Manche Frauen hinterlassen Bücher. Andere Denkmäler. Und manche hinterlassen etwas viel Wertvolleres: Strukturen, die noch Jahrzehnte später tragen. Helga Hartmann gehört eindeutig zur dritten Sorte.
Wer heute die Evangelische Frauenarbeit in Österreich kennt, könnte vielleicht glauben, sie sei irgendwann ganz ordentlich durch einen Synodenbeschluss gegründet worden: Antrag, Tagesordnungspunkt, Abstimmung, erledigt. Aber so war es nicht!
Am Anfang stand vielmehr eine Frau aus Dresden, die eigentlich nur für ein halbes Jahr nach Wien kommen sollte, blieb – und offenbar die erfreuliche Eigenschaft besaß, sich von Schwierigkeiten nicht sonderlich beeindrucken zu lassen.
Für sechs Monate nach Wien. Eigentlich.
Helga Hartmann wurde 1899 in Dresden geboren. Sie studierte zunächst Theologie und Philosophie, ließ sich später an der Sozialen Frauenschule der Inneren Mission in Berlin zur Fürsorgerin ausbilden und arbeitete anschließend in Dresden.
1931 kam sie nach Wien, um die Leitung der Evangelischen Sozialen Frauenschule zu übernehmen. Geplant waren zunächst sechs Monate. Daraus wurden vier Jahrzehnte. Warum sie blieb, beschrieb sie später selbst mit einem Satz aus dem Buch Jeremia: „Herr, du hast mich überredet, du bist mir zu stark geworden, du hast gewonnen.“ Man kann das fromm lesen. Man kann aber auch sagen: Wien hatte sie erwischt. Und die Evangelische Kirche Österreichs sollte noch froh darüber sein!
Dann kamen die Nazis
1938 wurde die Evangelische Soziale Frauenschule geschlossen. Hartmann hätte ihre Erfahrung und Qualifikation durchaus in den Dienst des neuen Systems stellen können. Man bot ihr eine Leitungsfunktion in einer nationalsozialistischen Ausbildungsstätte für Wohlfahrtspflege an.
Sie lehnte ab.
Als Begründung nannte sie ihre „unbedingte Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche“.
Wir wissen heute, was Nationalsozialismus war. Im Rückblick scheint ein Nein selbstverständlich.
1938 war es das nicht!
Man sollte Hartmann deshalb nicht nachträglich zur Widerstandskämpferin erklären. Aber man darf sehr wohl festhalten: Sie zog eine Grenze. Und zwar eine ziemlich deutliche. Man darf annehmen, dass das für sie nicht ganz ungefährlich war.
„Was tun wir mit dem Fräulein?“
Nach der Schließung ihrer Schule stand die Kirchenleitung vor einem Problem. Im Oberkirchenrat soll die Frage gefallen sein: „Was tun wir mit dem Fräulein?“
Aus heutiger Sicht möchte man antworten: Am besten lässt man sie machen. Und genau das geschah.
Der damalige Präsident des Oberkirchenrates, Heinrich Liptak, holte Hartmann in den Oberkirchenrat und übertrug ihr den Aufbau einer gesamtkirchlichen Frauenarbeit. Zunächst hieß sie recht bescheiden „Frauenbibelarbeit“, ab 1940 war sie offizieller Arbeitszweig der Evangelischen Kirche A.B. Aus dem Problem „Was tun wir mit dem Fräulein?“ entstand also etwas, das bis heute existiert: die Evangelische Frauenarbeit in Österreich. – Manchmal hat Kirchengeschichte durchaus Humor!
Beten allein war ihr zu wenig
Wer bei „Frauenbibelarbeit“ an einen gemütlichen Kreis mit Kaffee, Gugelhupf und einem Psalm denkt, unterschätzt sowohl die Zeit als auch Helga Hartmann. Während des Krieges ging es um geistliche Begleitung und konkrete Hilfe. Nach 1945 wurde daraus vielfach Überlebenshilfe: für Flüchtlinge und Heimkehrer, für Mütter, alte und alleinstehende Frauen, für kinderreiche Familien. Nach dem Ungarnaufstand 1956 organisierte Hartmann erneut Flüchtlingshilfe. Bei ihr gehörten zwei Dinge zusammen, die in kirchlichen Kreisen manchmal gern getrennt werden: Beten und organisieren. Seelsorge und Anpacken. Gottvertrauen und Ärmelaufkrempeln. Eigentlich ziemlich modern. Und mit dieser Haltung hat sie die EFA weit über die Zeit ihres Wirkens hinaus geprägt.
Frauen sollten nicht nur helfen. Sie sollten etwas können.
1947 wurde die Evangelische Frauenschule wieder eröffnet – zunächst unter bescheidensten Bedingungen. Hartmann übernahm erneut die Leitung und prägte die Schule über Jahrzehnte. Das ist ein wichtiger Teil ihres Vermächtnisses. Denn Hartmann kümmerte sich nicht nur um Frauen. Sie investierte in die Ausbildung von Frauen.
Frauen sollten soziale und kirchliche Aufgaben nicht einfach übernehmen, weil Frauen angeblich von Natur aus so wunderbar fürsorglich seien und ohnehin alles erledigten, was sonst liegen blieb. Sie sollten fachlich ausgebildet werden. Heute klingt das selbstverständlich. Damals war es das keineswegs.
Von Wien hinaus in die Welt
Unter Hartmann wurde ab 1952 der Weltgebetstag der Frauen in Österreich unter der Schirmherrschaft der Evangelischen Frauenarbeit gefeiert.
1960 übertrug die Evangelische Kirche der Frauenarbeit außerdem die entwicklungspolitische Aktion „Brot für Hungernde“. Hartmann knüpfte Kontakte zu evangelischen Hilfswerken im Ausland und arbeitete auch mit der katholischen Caritas zusammen.
In einer Zeit, in der konfessionelle Grenzen noch ziemlich hoch waren, betrieb sie also ganz praktisch Ökumene. Und während Österreich sich nach Krieg und Nationalsozialismus erst mühsam wieder sortierte, schaute diese Frauenarbeit bereits über die eigenen Landesgrenzen hinaus.
Offenbar keine ganz leise Dame
Frauen, die Helga Hartmann noch persönlich erlebt haben, beschrieben sie später offenbar gern als eine Art „Frau Generalin“.
Ich kannte sie selbst nicht. Aber je mehr man über sie liest, desto leichter kann man sich vorstellen, was damit gemeint gewesen sein könnte:
Eine Frau, die eine Schule leitet.
Die den Nationalsozialisten Nein sagt.
Die anschließend eine österreichweite Frauenarbeit aufbaut.
Die Flüchtlingshilfe organisiert.
Die Unterstützung aus dem Ausland auftreibt.
Die Frauen ausbildet.
Die ökumenische Kontakte knüpft.
Die den Weltgebetstag mitträgt und „Brot für Hungernde“ aufbaut.
Und die das alles in einer Kirche tut, deren entscheidende Ämter fast ausschließlich von Männern besetzt sind.
Die dürfte gelegentlich ziemlich genau gewusst haben, wo es langgeht.
Vielleicht war „Frau Generalin“ also gar nicht das schlechteste Qualifikationsprofil.
Zumal eine gute Generalin schließlich nicht allein marschiert. – Hartmann verstand es offenbar ausgezeichnet, andere zur Mitarbeit zu gewinnen.
Einen Titel brauchte sie offenbar nicht
Helga Hartmann war der Titel „Kirchenrat“ zuerkannt worden. Sie benutzte ihn nicht. Vielleicht sollte man da nicht zu viel hineininterpretieren. Aber zu einer Frau, die ohnehin wusste, was sie konnte und was zu tun war, passt es ausgezeichnet.
Während Frauen von fast allen wirklichen Leitungsämtern ausgeschlossen waren, leitete Helga Hartmann längst. Nicht theoretisch. Tatsächlich.
Warum sie zu „meinen“ starken Frauen gehört
Es wäre leicht, Helga Hartmann als verdienstvolle Dame der evangelischen Vergangenheit abzulegen: Schwarzweißfoto. Geburtsdatum. Sterbedatum. Direktorin. Vielen Dank für Ihre Dienste. Das wäre ihr gegenüber unhöflich, nahezu schon dreist.
Denn Hartmann hat etwas getan, das starke Frauen immer wieder tun: Sie ließ sich von den Grenzen ihrer Zeit nicht vorschreiben, wie groß ihr Wirkungskreis sein darf. Sie arbeitete in einer Kirche, in der Frauen kaum institutionelle Macht hatten – und schuf eine Institution für Frauen.
Sie lebte in einer Zeit, in der weibliche Fürsorge gern als selbstverständlich vorausgesetzt wurde – und setzte auf Ausbildung und Professionalität. Sie verlor ihre Schule an die Nationalsozialisten – und stellte sich nicht in deren Dienst.
Sie lebte in einem zerstörten Land – und organisierte Hilfe.
Sie arbeitete in einer konfessionell getrennten Welt – und suchte Zusammenarbeit.
Man muss Helga Hartmann nicht nachträglich zur Feministin des 21. Jahrhunderts erklären.
Es genügt vollkommen, ernst zu nehmen, was sie in ihrem eigenen Jahrhundert getan hat.
Und das war eine ganze Menge.
Wenn wir heute selbstverständlich „wir“ sagen, wenn wir von der Evangelischen Frauenarbeit sprechen, sollten wir gelegentlich daran denken, dass dieses „Wir“ einmal begonnen hat.
Mit einer Kirchenleitung, die ratlos fragte:
„Was tun wir mit dem Fräulein?“
Und mit einem ziemlich tatkräftigen Fräulein, das darauf eine bemerkenswert nachhaltige Antwort gab.
Ohne Helga Hartmann gäbe es dieses „Wir“ vermutlich nicht.
Und genau deshalb gehört sie hierher:
zu unseren starken Frauen.