Empowerment & Selbstfürsorge

EIN WELTBEWEGENDER STAFFELLAUF

„Jede Frauengeneration, die gewonnene Rechte nicht verteidigt hat und neue nicht erobern wollte, hat schon ein Stück von ihnen verloren“ – Marielouise JURREIT, Journalistin und Schriftstellerin, Berlin

Das Ende des Ersten Weltkriegs und der Zusammenbruch der k.-und-k.-Monarchie führten zur Gründung der Ersten Republik. In dieser ersten allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Umbruchsphase konnte den Frauen das Wahlrecht nicht mehr vorenthalten werden. Europaweit gehörte Österreich zu jenen Ländern, in denen Frauen am frühesten das allgemeine und gleiche Wahlrecht bekamen. In Art. 9 des Gesetzes über die Staats- und Regierungsform wurden die Grundsätze des Wahlrechts für die zu wählende Konstituierende Nationalversammlung festgelegt. Sie sollten „auf der Verhältniswahl und auf dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts“ beruhen. Eine neue Wahlordnung, in der das allgemeine Frauenwahlrecht festgehalten wurde, wurde am 18.12.1918 verabschiedet. – Interessant ist die Tatsache, dass auch die österreichischen Männer erst im Jahr 1907 das allgemeine, aktive und passive Wahlrecht erhielten.

Erstmals wählen durften Frauen bei den Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung am 16.2.1919. Die Wahlbeteiligung der Frauen lag bei 82,1%, Die Befürchtungen der Parteien, Frauen würden nicht zur Wahl gehen, hatten sich somit nicht bewahrheitet.

Die Tatsache, dass Frauen 1918 das Wahlrecht erhalten hatten, machte sie auch zum Ziel der Wahlwerbung von Parteien. Auffallend ist dabei, dass auf den Wahlplakaten bis weit in die Gegenwart fast ausschließlich Männer als politische Akteure dargestellt wurden, während die Frau auf die Rolle der Mutter und Hausfrau reduziert wurde. Ihre Werbestrategien begannen die etablierten Parteien erst zu ändern, als die neue Frauenbewegung das tradierte Rollenbild aufzubrechen begann und somit der Geschlechterdemokratie eine größere Bedeutung beigemessen wurde.

Als Folge der Einführung des Frauenwahlrechts zogen bei den Wahlen für die Konstituierende Nationalversammlung im Februar 1919 erstmals 8 Frauen – 7 Sozialdemokratinnen und eine Christlichsoziale – in das österreichische Parlament ein. Manche noch heute gültigen sozialpolitischen Gesetze sind der Initiative dieser acht „Pionierinnen“ zu verdanken.

In hohe politische Funktionen drangen Frauen – mit einer Ausnahme – erst in der 2. Republik vor. Bis dahin lag noch ein weiter Weg vor unseren politischen Staffelläuferinnen: das Staffelholz nimmt die Startläuferin

Hildegard Burjan – Ich bin1919 die erste und einzige Frau der Christlichsozialen Partei in der Konstituierenden Nationalversammlung. Ich trete für den Ausbau staatlicher Mädchenschulen und für die Schaffung von Frauenreferaten in Staatsämtern (später: Ministerien) für Inneres und Unterricht ein. Der Stab geht weiter an

Käthe Leichter – Ich bin sozialistische Gewerkschafterin, Autorin und Gründerin des Frauenreferats der Wiener Arbeiterkammer. Ich erkämpfe als Frau die Zulassung zur Universität durch eine Klage und studiere ab 1914 Staatswissenschaften an der Uni Wien. Ab 1934 betätige ich mich im Untergrund und begründe die „Revolutionären Sozialisten“ mit. Mein Mann und meine beiden Söhne können 1938 fliehen, ich jedoch werde verraten, festgenommen und ins KZ Ravensbrück deportiert, wo ich ermordet werde. Meinen Stab übernimmt

Olga Rudel-Zeynek  – Ich bin zwei Perioden lang Präsidentin des Bundesrates und damit weltweit die erste Frau, die einer gesetzgebenden Körperschaft vorsteht. Besonders setze ich mich für die Interessen verschiedener Frauenberufsgruppen, für eine bessere Mädchenbildung, für Kinder- und Jugendschutz und gegen Frauenarbeitslosigkeit und „sittliche Verwahrlosung“ ein. Unter meiner Mitwirkung wird 1925 das Gesetz „Lex-Rudel-Zeynek“ über den Unterhaltsanspruch alleinerziehender Frauen verabschiedet. 1934 scheide ich aus meiner Funktion aus und übergebe den Stab an

Grete Rehor – Ich bin die erste Bundesministerin Österreichs. Nachdem mein Mann 1942 in Stalingrad erst als vermisst gemeldet wird, dort aber vermutlich gestorben ist, beginne ich, Alleinerzieherin meiner Tochter, meine politische Laufbahn als Sekretärin der Gewerkschaft für Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiten. 1966 werde ich Bundesministerin für Soziale Verwaltung, bin eher auf Konsens als auf Konfrontation bedacht und richte eine eigene Frauenabteilung im Sozialministerium ein, um die berufliche Stellung der Frauen gezielt zu verbessern. Ich gebe den Stab

Hertha Firnberg – Ich bin Österreichs erste Wirtschaftsministerin. Ich gelte als Expertin für Sozialstatistik, Sozialgeschichte und Sozialpolitik. Ich setze mich für die Reform des Familienrechts, für die qualifizierte Ausbildung von Mädchen und die Gleichberechtigung der Frauen im Beruf ein. 1969 gründe ich mit Lola Solar (ÖVP) den Österreichischen Frauenring, den größten überparteilichen Zusammenschluss von Frauenvereinen und –organisationen Österreichs. Später werde ich Ministerin für Wissenschaft und Forschung und bleibe dies bis 1983. Meinem Handeln liegt stets die Motivation zugrunde, die Chancengleichheit für Frauen und Mädchen zu fördern und gleiche Bildungschancen für alle, unabhängig vom sozialen Hintergrund, zu ermöglichen. Mein Stab geht an

Johanna Dohnal – Ich bin ein zutiefst politischer Mensch, interessiert und immer bereit die Situation und auch das Denken der Frauen in der Zweiten Republik nachhaltig zu prägen. Als Landesfrauensekretärin der Wiener SPÖ starte ich speziell für Hausfrauen und Mütter Vormittagsseminare, die sich als absoluter Renner erweisen. In den 70er Jahren entsteht eine autonome Frauenbewegung, die parteiunabhängig für eine Verbesserung der Situation der Frau kämpft und Herrschaftsstrukturen in allen Bereichen der Gesellschaft  – der Familie, der Sexualität, den Rollenzuschreibungen von Mann und Frau – aufdeckt. Ich realisiere das erste Wiener Frauenhaus Im Interesse einer Politik nicht nur für sondern mitT Frauen setze ich mich für eine Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg ein  – auch bei friedenspolitischen Aktivitäten. Stellvertretend für viele wandert der Stab weiter an

Vigdís Finnbogadóttir – Ich komme aus Island und bin das erste demokratisch gewählte weibliche Staatsoberhaupt weltweit. Mir ist die Wahrung der isländischen Kultur und Sprache, Erziehung und Bildung und die Gleichberechtigung der Frauen wichtig. Mit meiner Kandidatur will ich beweisen: „Eine Frau kann das!“ Mit Schwung überreiche ich meinen Stab für die vorläufig letzte Etappe dieser aufregenden Staffel an

Tawakkol Karman – Ich komme aus der Jemenitischen Arabischen Republik. Ich bin Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Mitglied der islamistischen Oppositionspartei al-Islah. 2007 beginne ich, wöchentlich Proteste gegen die Unterdrückung der Bürger- und der Frauenrechte in der Hauptstadt Sanaa zu organisieren. 2011 erhalte ich für meinen gewaltfreien Kampf für Frieden und Frauenrechte den Friedensnobelpreis. Ich laufe mit meinem Stab ins … ZIEL!?

Insgesamt besteht in der Frage der geschlechtergerechten Verteilung von Ämtern und Funktionen im politischen System immer noch großer Nachholbedarf um eine gleichberechtigte Vertretung von Frauen und Männern zu garantieren. Die Staffelläuferinnen haben dazu einen soliden Grundstein gelegt. Machen wir das Beste daraus!                                                                                                                                                                                                                                   Roberta Desch* (efa 2/2018)

UPDATE 2026: Der Staffelstab ist noch immer unterwegs

ZIEL!? – Mit diesem durchaus berechtigten Fragezeichen endete unser Staffellauf 2018. Einige Jahre später können wir sagen: Nein, im Ziel sind wir noch lange nicht. Aber der Staffelstab wurde weitergegeben.

Eine Frau, die in dieser Reihe unbedingt noch genannt werden muss, ist Brigitte Bierlein. 2018 wurde sie als erste Frau Präsidentin des österreichischen Verfassungsgerichtshofs. Ein Jahr später folgte die nächste Premiere: Am 3. Juni 2019 wurde sie als erste Bundeskanzlerin Österreichs angelobt. Dass ihre Regierung eine Übergangsregierung war, schmälert die historische Bedeutung nicht: Zum ersten Mal stand eine Frau an der Spitze der österreichischen Bundesregierung.

Und heute? Frauen in politischen Ämtern sind längst keine Sensation mehr. Frauen führen Ministerien, Parteien und Parlamentsklubs, sitzen im Nationalrat, in Landtagen und Gemeinderäten. Eigentlich könnte man meinen: Staffel erfolgreich beendet, Ziel erreicht.

Aber leider nein!

Im Frühjahr 2026 waren von 183 Abgeordneten zum österreichischen Nationalrat 64 Frauen – knapp 35 Prozent. Fast zwei Drittel der Volksvertretung sind damit weiterhin Männer. Besonders dünn wird die Luft für Frauen dort, wo Politik ganz unmittelbar vor unserer Haustür gemacht wird: Von den 2.092 österreichischen Bürgermeister waren im Juli 2026 gerade einmal 247 Frauen. Nicht einmal zwölf Prozent.

Mehr als hundert Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts sind Frauen also zwar selbstverständlich Wählerinnen, aber noch immer nicht selbstverständlich dort vertreten, wo politische Entscheidungen getroffen werden.

Gewonnene Rechte sind kein Dauerabo

Damit bekommt auch das Zitat von Marielouise Jurreit am Anfang dieses Beitrags eine neue Aktualität. Denn politische Gleichberechtigung ist keine Geschichte, die irgendwann erfolgreich abgeschlossen wurde und seither fein säuberlich im Geschichtsbuch liegt.

Rechte können erkämpft, erweitert und gesetzlich abgesichert werden. Aber gesellschaftliche Vorstellungen davon, wer führen, entscheiden, Macht ausüben und öffentlich widersprechen darf, verändern sich sehr viel langsamer. Und manches, was längst selbstverständlich schien, wird heute wieder infrage gestellt.

Vielleicht ist genau deshalb das Bild vom Staffellauf so passend: Jede Generation übernimmt etwas, das andere Frauen vor ihr erkämpft haben. Sie darf damit ein Stück weiterlaufen – aber sie muss den Stab auch festhalten.

Und irgendwann weitergeben.

An Töchter, Enkelinnen und all jene Frauen, die nach uns kommen. Nicht, weil Frauen die bessere Politik machen. Sondern weil eine Demokratie, in der die Hälfte der Bevölkerung an den Entscheidungstischen deutlich unterrepräsentiert ist, noch Luft nach oben hat. Ziemlich viel sogar.

Das Ziel? Eine Gesellschaft, in der eine Frau in einem politischen Spitzenamt keine Schlagzeile mehr wert ist.

Bis dahin: WEITERLAUFEN!

Empowerment & Selbstfürsorge

EIN WELTBEWEGENDER STAFFELLAUF

Seit mehr als hundert Jahren geben Frauen den Staffelstab weiter: Sie erkämpfen Rechte, erobern politische Ämter und öffnen Türen für die Nächsten. Im Ziel sind wir trotzdem noch lange nicht. Ein Staffellauf durch die Geschichte – von mutigen Pionierinnen bis zur Frage, wer den Stab heute übernimmt.

weiter lesen >>

Gerechtigkeit & Engagement

Kinderbetreuung keine Arbeit?Einspruch, Herr Bundeskanzler!

Bundeskanzler Christian Stocker sagte bei seiner Gesprächsreihe „Österreich im Gespräch“ in Salzburg, er würde Kinderbetreuung „nicht als Arbeit sehen“. Familie dürfe nicht als Geschäftsmodell oder Rechenbeispiel verstanden werden.

weiter lesen >>

Starke Frauen

Helga Hartmann – die Frau, die nicht um Erlaubnis fragte

Manche Frauen hinterlassen Bücher. Andere Denkmäler. Und manche hinterlassen etwas viel Wertvolleres: Strukturen, die noch Jahrzehnte später tragen. Helga Hartmann gehört eindeutig zur dritten Sorte.

weiter lesen >>