Empowerment & Selbstfürsorge

Die unbekannten Größen

Powerfrauen aus der Wissenschaft

Kaum jemand kennt sie. Trotzdem sind sie vielfach vorhanden:  die Frauen, die all ihre Kraft einsetzen um die Wissenschaft voranzutreiben. Eine Spurensuche von Claudia Schwarz (aus efa 3/2021)

Beginnen wir mit einem kleinen Experiment: Welche fünf renommierten Persönlichkeiten aus der Forschung und Wissenschaft fallen Ihnen spontan ein? Und wie viele davon sind Frauen?

Dass uns neben schillernden Forscher-Ikonen wie Albert Einstein, Isaak Newton, Nikolaus Kopernikus, Darwin, Leonardo Da Vinci, Werner Heisenberg, Robert Koch, Thomas Edison, Stephen Hawking, Siegmund Freud, Galileo Galilei, Christian Doppler, Erwin Schrödinger, Platon, oder Johannes Kepler kaum Frauen einfallen, hat zweierlei Gründe: einerseits ist und war der Weg für Frauen in die Wissenschaft ein äußerst steiniger und zweites haben die Frauen, die große wissenschaftlich Leistungen erbracht haben, oftmals keine entsprechende Anerkennung dafür erfahren. Um das Bewusstsein dafür zu schärfen, werden hier zumindest einige davon vor den Vorhang geholt.

Nobelpreis: 57 zu 876 für die Männer

Zwischen 1901 und 2020 haben 57 Frauen und 876 Männer den Nobelpreis, eine der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen, gewonnen. Zu ihnen gehört Marie Curie, die gleichzeitig die erste Person war (von bisher gesamt vier), die ihn gleich zweimal gewonnen hat: 1903 in Physik und 1911 in Chemie, beide Male in Zusammenhang mit Ihren Arbeiten zur Entdeckung der Radioaktivität.

Die Liste der mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Frauen könnte jedoch wesentlich länger sein. Dabei kommen zwei verschiedene Effekte zu tragen: erstens wird die forscherische Leistung von Frauen generell häufiger übersehen, und zweitens wurden in der Geschichte schon vielfach (nur) Männer für Forschungen und Publikationen ausgezeichnet, die sie gemeinsam mit Frauen durchgeführt hatten.

Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist die Atomphysikerin Lise Meitner. 1906 promovierte sie als zweite Frau an der Universität Wien. Gemeinsam mit Otto Hahn arbeitete sie danach bei Max Planck in Berlin, musste 1938 jedoch nach Schweden flüchten. Sie war maßgeblich an der Erforschung der Kernspaltung beteiligt. 1945 gewann Otto Hahn dafür den Nobelpreis. Ihre Leistungen im Zusammenhang damit wurden nicht anerkannt, für viele Kolleginnen und Kollegen schon damals eine fulminante Fehleinschätzung.

Ein ähnliches Schicksal ereilte die britische Biochemikerin Rosalind Elsie Franklin. Sie leistete bahnbrechende Vorarbeit in der Bestimmung der Doppelhelix in der DNA-Struktur. Als 1962 der Nobelpreis an ihre Kollegen James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins verliehen wurde, war sie bereits verstorben. Jedoch würdigten die Preisträger Franklins wesentlichen Beitrag zu ihrem Forschungserfolg mit keinem Wort.

Der chinesisch-amerikanischen Experimentalphysikerin Chien-Shiung Wu erging es gleich, als ihre Kollegen Tsung-Dao Lee und Cen Ning Yang 1957 den Nobelpreis für eine Theorie bekamen, die erst durch ihren experimentellen Beweis an Bedeutung gewann. Dennoch wurde sie mit keinem Wort erwähnt.

Anders war das im Fall der amerikanischen Mikrobiologin Esther Lederberg. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Joshua Lederberg entwickelte sie genetische Verfahren in der Mikrobiologie. Basierend auf dieser Forschung erhielt ihr Mann 1958 den Nobelpreis für Medizin. Immerhin bedankte er sich in seiner Dankesrede bei seiner Frau.

Herausragende Forscherinnen in ungewöhnlichen Bereichen

Die Wissenschaftsgeschichte hat etliche „hidden figures“, also (noch) nicht berühmt geworden Forscherinnen zu verzeichnen. So etwa die afro-amerikanische Mathematikerin Katherine Johnson, die bei der NASA für die Kalkulation der Flugpläne der Apollo-Missionen verantwortlich war und dafür auch Computer zum Einsatz brachte. Ihre Geschichte ist mittlerweile in dem äußerst sehenswerten Hollywoodfilm „Hidden Figures“ (2016) verfilmt. Auch die Vorarbeiten zu heute gängigen Programmiersprachen geht auf eine Frau zurück: die Informatikerin Grace Hopper war Computerpionierin und entwickelte den ersten Compiler. Besser bekannt ist die britische Primatenforscherin Jane Goodall, die das Verhalten von Schimpansen in Tansania untersuchte und eine Verfechterin von Tierrechten ist. Auch die amerikanische Zoologin und Biologin Rachel Carson schrieb als Initiatorin der Umweltbewegung Geschichte. Sie setzte sich in den 1960er Jahren gegen die Verwendung von Pestiziden ein und löste dadurch weitreichende politische Debatten aus. Das Überleben zahlreicher Neugeborener wiederum ist der Chirurgin Virgina Apgar zu verdanken. Sie hat das heute noch weltweit verwendete Untersuchungs-Schema erfunden, mit dem der Gesundheitszustand von Säuglingen unmittelbar nach der Geburt bestimmt wird, um im Ernstfall rasch reagieren zu können. Die britische Chemikerin Dorothy Hodgkin hat den Grundstein dafür gelegt, dass heute Millionen von Menschen gesund leben können. Sie löste die Struktur von Vitamin B12, Penicillin und Insulin. Dafür erhielt sie 1964 den Nobelpreis.

Von der Genschere bis zum mRNA-Impfstoff – aktuelle Frauenpower in der Forschung

2020 gewannen die beiden Mikrobiologinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna den Nobelpreis für Chemie. Gemeinsam haben sie ein Verfahren entwickelt, das man gemeinhin als „Genschere“ bezeichnet. Damit wurde ein mächtiges Werkzeug in der Gentechnik geschaffen mit dem Potenzial, die Medizin grundlegend zu verändern. Anwendungsmöglichkeiten reichen von der Optimierung von Nahrungspflanzen bis hin zur Heilung bisher unheilbarer Krankheiten. Das birgt enorme Potenziale aber natürlich auch Gefahren, sodass gerade Eingriffe in das Erbgut immer auch mit ethischen Fragestellungen einhergehen müssen.

Eine weitere Forscherpersönlichkeit, die maßgeblich zur Bewältigung der aktuellen COVID-19 Pandemie beiträgt, ist die deutsche Ärztin, Forscherin und Unternehmerin Özlem Türeci. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Ugur Sahin hat sie 2008 das Unternehmen BioNTech gegründet, das sich auf Immuntherapie zur Behandlung von Krebserkrankungen spezialisiert hat und 2020 in Rekordgeschwindigkeit den ersten mRNA-basierten Impfstoff gegen COVID-19 entwickelte und auf den Markt brachte. Das Unternehmen beschäftigt derzeit über 1.300 Menschen, mehr als die Hälfte davon sind Frauen.

Dass Frauen in der Wissenschaft Großes bewegen, ist offensichtlich. Bleibt zu hoffen, dass sich das auch in der Wertschätzung ihrer Arbeit niederschlägt, sodass einem das nächste Mal, wenn jemand nach renommierten Persönlichkeiten aus der Wissenschaft fragt, viele Forscherinnen in den Sinn kommen.

Redaktionelles Update im August 2026:

Fünf Jahre später – hat sich etwas verändert?

Seit dieser Beitrag 2021 erschienen ist, hat sich einiges getan. Frauen in der Wissenschaft sind sichtbarer geworden, weitere Forscherinnen wurden mit höchsten Auszeichnungen geehrt – und manche Geschichte, die 2021 noch nicht zu Ende erzählt war, bekam eine bemerkenswerte Fortsetzung.

Von der belächelten Idee zum Nobelpreis

Eine dieser Geschichten ist jene der ungarisch-amerikanischen Biochemikerin Katalin Karikó. Jahrzehntelang forschte sie an der medizinischen Nutzung von mRNA – und jahrzehntelang hielt sich die Begeisterung ihrer wissenschaftlichen Umgebung in überschaubaren Grenzen. Forschungsanträge wurden abgelehnt, Geldgeber winkten ab, ihre akademische Karriere verlief alles andere als geradlinig.

Dann kam die Corona-Pandemie. Plötzlich zeigte sich, welches Potenzial in jener Technologie steckte, an die Karikó unbeirrt geglaubt hatte. Ihre gemeinsam mit Drew Weissman entwickelte Grundlagenforschung machte die späteren mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna erst möglich. 2023 erhielten beide dafür den Nobelpreis für Medizin.

Die Geschichte passt beinahe ein wenig zu gut zum Thema dieses Artikels: Eine Frau forscht beharrlich weiter, obwohl ihre Arbeit lange unterschätzt wird – bis sich herausstellt, dass sie medizinische Geschichte geschrieben hat.

Mehr Frauen im Rampenlicht – aber noch lange keine Gleichheit

Katalin Karikó ist nicht die einzige Forscherin, die seit 2021 mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Carolyn Bertozzi erhielt 2022 den Chemie-Nobelpreis für ihre Arbeiten zur Click-Chemie und bioorthogonalen Chemie. 2023 wurde Anne L’Huillier für ihre Forschungen zur Attosekundenphysik mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Und 2025 erhielt die Molekularbiologin Mary E. Brunkow gemeinsam mit zwei Kollegen den Medizin-Nobelpreis für grundlegende Entdeckungen zur Regulation des Immunsystems.

Das klingt erfreulich. Die Gesamtbilanz ist allerdings weniger berauschend: Bis einschließlich 2025 wurde der Nobelpreis beziehungsweise der Wirtschaftspreis 68-mal an Frauen vergeben. Marie Curie erhielt ihn zweimal, damit stehen 67 ausgezeichneten Frauen viele Hundert männliche Preisträger gegenüber. Besonders eindrucksvoll ist das Missverhältnis in den Naturwissenschaften: In der Physik wurden bis 2025 gerade einmal fünf Frauen mit einem Nobelpreis ausgezeichnet, in der Chemie acht.

Und auch die jüngsten Jahre zeigen, dass Gleichstellung keineswegs zum wissenschaftlichen Selbstläufer geworden ist: 2024 gingen sämtliche Nobelpreise in den drei naturwissenschaftlich-medizinischen Kategorien an Männer. 2025 befand sich unter neun ausgezeichneten Personen in Physik, Chemie und Medizin genau eine Frau.

Die gläserne Decke ist sichtbarer geworden. Weg ist sie nicht.

Natürlich sagt ein Nobelpreis allein noch nichts über die Situation von Frauen in der Wissenschaft aus. Aber die Zahlen machen ein grundsätzliches Problem sichtbar: Frauen forschen, entdecken, entwickeln und publizieren längst auf höchstem Niveau. Trotzdem sind sie in Spitzenpositionen, bei großen Forschungspreisen und in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor unterrepräsentiert.

Immerhin hat sich etwas verändert: Wir wissen heute mehr über den sogenannten Matilda-Effekt – also darüber, dass wissenschaftliche Leistungen von Frauen systematisch weniger wahrgenommen oder männlichen Kollegen zugeschrieben wurden und teilweise noch immer werden. Geschichten wie jene von Lise Meitner, Rosalind Franklin oder Chien-Shiung Wu gelten deshalb nicht mehr bloß als bedauerliche Einzelfälle. Sie zeigen Strukturen, die Wissenschaft über lange Zeit geprägt haben.

Vielleicht sollten wir deshalb das kleine Experiment vom Beginn dieses Artikels 2026 noch einmal machen:

Welche fünf renommierten Persönlichkeiten aus Forschung und Wissenschaft fallen Ihnen spontan ein?

Sind diesmal mehr Frauen dabei? Wenn ja, haben wir immerhin etwas dazugelernt. Wenn nicht, gibt es noch einiges zu tun. Denn Frauen in der Wissenschaft müssen nicht erst entdeckt werden.

Sie sind längst da. Wir sollten nur endlich genauer hinschauen.

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