Bildug & Entfaltung

Wissen schafft Möglichkeiten

Noch nie war so viel Wissen so leicht zugänglich wie heute. Und noch nie war es so schwierig zu entscheiden, welchem Wissen wir trauen können. Bildung bedeutet deshalb längst mehr, als möglichst viel zu wissen. Sie bedeutet, fragen, prüfen, unterscheiden – und mitgestalten zu können. Gerade für Frauen war und ist das eine Frage der Freiheit.

Wissen ist Macht – und war lange männlich

„Wissen ist Macht“ – dieser Francis Bacon zugeschriebene Satz ist mehr als 400 Jahre alt. An Aktualität hat er wenig verloren. Denn wer Zugang zu Bildung und Wissen hat, kann mitreden, Entscheidungen treffen, wirtschaftlich unabhängiger leben und Gesellschaft mitgestalten. Genau deshalb ist es kein Zufall, dass Frauen dieser Zugang über Jahrhunderte verwehrt wurde.

In Österreich führte der Weg an die Universitäten erst Ende des 19. Jahrhunderts. 1897 wurden Frauen zum regulären Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien zugelassen, 1900 folgte die Medizin. Rechts- und Staatswissenschaften öffneten sich 1919, die Evangelische Theologie 1928 und die Katholische Theologie überhaupt erst 1945.

Gabriele Possanner von Ehrenthal war 1897 die erste Frau, die an der Universität Wien promoviert wurde – genauer gesagt wurde ihr zuvor in Zürich erworbenes medizinisches Doktorat anerkannt. Elise Richter habilitierte sich 1907 als erste Frau an der Universität Wien. Was heute selbstverständlich klingt, war damals ein mühsam erkämpfter Tabubruch.

Die Bildungsrevolution ist weiblich – eigentlich

Seither hat sich enorm viel verändert. Frauen haben bei der formalen Bildung kräftig aufgeholt und die Männer teilweise überholt. 2023 verfügten in Österreich 23,5 Prozent der Frauen, aber nur 18,5 Prozent der Männer über einen Akademie- oder Hochschulabschluss. Also alles bestens? Nicht ganz.

Denn Bildungserfolg und berufliche Chancen sind noch immer zwei verschiedene Paar Schuhe. Frauen und Männer verteilen sich weiterhin sehr unterschiedlich auf Ausbildungs- und Studienrichtungen. Technische und informatische Bereiche sind nach wie vor deutlich männlich geprägt. Und spätestens auf dem Weg nach oben wird die Luft für Frauen wieder dünner: Je höher die akademische Hierarchiestufe, desto geringer wird traditionell ihr Anteil.

Das alte Bild von der „gläsernen Decke“ hat also leider noch nicht ausgedient. Man könnte auch sagen: Frauen dürfen inzwischen selbstverständlich die Treppe hinaufsteigen. Nur bei manchen Stockwerken klemmt auffällig oft die Tür.

Wissen und Glauben: kein Widerspruch

Auch Wissen und Glauben sind keine Gegensätze. Christlicher Glaube verlangt schließlich nicht, den Verstand an der Kirchentür abzugeben. Im Gegenteil: Fragen, zweifeln, prüfen und nach Erkenntnis suchen gehören zu einer lebendigen Glaubenstradition.

Problematisch wird es dort, wo Glauben und Wissen bewusst miteinander „verwechselt“ werden. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind keine Frage persönlicher Überzeugung. Der menschengemachte Klimawandel wird nicht dadurch weniger real, dass jemand „nicht daran glaubt“. Und auch eine Behauptung wird nicht wahrer, weil sie tausendfach geteilt, emotional erzählt oder von einem Algorithmus besonders häufig ausgespielt wird.

Der Marie von Ebner-Eschenbach zugeschriebene Satz „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ bekommt damit eine erstaunlich aktuelle Bedeutung.

Bildung im Zeitalter der KI

Denn inzwischen stehen wir vor einer neuen Herausforderung. Jahrzehntelang bestand Bildung darin, Wissen zu finden. Heute besteht sie zunehmend auch darin, mit einer Überfülle an Informationen umzugehen.

Suchmaschinen, soziale Medien und künstliche Intelligenz liefern innerhalb von Sekunden Antworten auf beinahe jede Frage. Nur: Eine Antwort ist noch keine Erkenntnis. Und überzeugend formuliert heißt noch lange nicht richtig. Deshalb gehören heute neue Fähigkeiten zur Bildung: Quellen prüfen. Fakten von Meinungen unterscheiden. Manipulation erkennen. Wissen, wie Algorithmen unsere Wahrnehmung beeinflussen. KI nutzen können – ohne ihr das Denken zu überlassen.

Nicht zufällig haben EU-Kommission und OECD 2026 einen eigenen Rahmen für AI Literacy, also KI-Kompetenz, für Schulen vorgelegt. Junge Menschen sollen KI nicht bloß bedienen, sondern verstehen, kritisch beurteilen und verantwortungsvoll mitgestalten können. Und genau hier wird die alte Bildungsfrage plötzlich wieder zu einer Frauenfrage.

Wer programmiert die Zukunft?

Künstliche Intelligenz fällt schließlich nicht vom Himmel. Menschen entwickeln Systeme, wählen Daten aus, programmieren Anwendungen und legen Kriterien fest. Und diese Menschen bringen – bewusst oder unbewusst – ihre Erfahrungen, Wertvorstellungen und Vorurteile mit.

Wenn Frauen in Informatik, Technik und anderen MINT-Bereichen weiterhin unterrepräsentiert sind, fehlen ihre Perspektiven dort, wo Technologien entwickelt werden, die künftig unser aller Leben prägen.

Deshalb reicht es nicht, Mädchen und Frauen beizubringen, digitale Werkzeuge möglichst geschickt zu benutzen. Sie sollen auch an den Tischen sitzen, an denen diese Werkzeuge entwickelt werden.

Wir brauchen Frauen, die nicht nur wissen wollen, wie etwas funktioniert, sondern auch fragen: Warum funktioniert es so? Wem nützt es? Wer kommt darin vor – und wer nicht? Und – sehr entscheidend: Könnten wir es nicht besser machen?

Neugier ist eine ziemlich revolutionäre Eigenschaft

Kinder können einen mit ihren Fragen bekanntlich in den Wahnsinn treiben: Warum? Wieso? Weshalb? Und warum eigentlich nicht? Vielleicht sollten wir uns davon etwas bewahren.

Denn Neugier ist der Anfang von Bildung. Sie bringt Menschen dazu, vermeintliche Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen, neue Zusammenhänge zu entdecken und Dinge anders zu denken.

Für Frauen war Bildung nie nur die Möglichkeit, mehr zu wissen. Sie war immer auch ein Stück Emanzipation: selbst lesen, selbst urteilen, selbst entscheiden, selbst gestalten.

Das gilt heute genauso wie vor hundert Jahren. Vielleicht sogar mehr denn je. Denn in einer Welt, in der uns Maschinen immer schneller Antworten liefern, wird eine zutiefst menschliche Fähigkeit besonders kostbar: die richtigen Fragen zu stellen.

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