Gerechtigkeit & Engagement

Kinderbetreuung keine Arbeit?Einspruch, Herr Bundeskanzler!

Bundeskanzler Christian Stocker sagte bei seiner Gesprächsreihe „Österreich im Gespräch“ in Salzburg, er würde Kinderbetreuung „nicht als Arbeit sehen“. Familie dürfe nicht als Geschäftsmodell oder Rechenbeispiel verstanden werden.

Das klingt zunächst warmherzig. Bei genauerem Hinsehen ist es aber ein erstaunlich alter (und rückständiger!) Gedanke in neuem Gewand. Denn ausgerechnet jene Tätigkeiten, die überwiegend Frauen leisten, wurden jahrhundertelang mit genau diesem Argument unsichtbar gemacht: Es ist doch für die Familie. Es geschieht doch aus Liebe. Das kann man doch nicht in Geld aufrechnen. Nein, Liebe kann man nicht in Geld aufrechnen. Aber Arbeit sehr wohl

Familie ist kein Business Case. Da sind wir ganz bei Ihnen, Herr Bundeskanzler!

Eltern führen keine Stundenlisten darüber, wie oft sie nachts aufstehen. Sie stellen ihren Kindern keine Rechnung fürs Mittagessen aus. Und vermutlich hat noch keine Mutter ihrem Dreijährigen einen Sonntagszuschlag verrechnet, weil es sich erdreistet hat, ausgerechnet am Wochenende krank zu werden. Familie bedeutet Liebe, Verbundenheit, Verantwortung füreinander. Selbstverständlich. Aber seit wann hört Arbeit auf, Arbeit zu sein, nur weil wir sie aus Liebe tun?

Liebe hebt Arbeit nicht auf

Ein Kind zu trösten ist Zuwendung. Ein fieberndes Kind die halbe Nacht herumzutragen ist Zuwendung – und anstrengend. Essen kochen, Wäsche waschen, Arzttermine vereinbaren, Kindergartenwege organisieren, Schultaschen kontrollieren, Geburtstagsgeschenke besorgen, Freizeitaktivitäten koordinieren, bei den Hausaufgaben helfen und dabei im Kopf behalten, dass übermorgen der Wandertag ist und dafür noch eine Trinkflasche gebraucht wird: All das kann man sehr liebevoll tun. Und trotzdem ist es Arbeit.

Dass Sorgearbeit häufig aus Liebe geleistet wird, macht sie nicht weniger zeitaufwendig, nicht weniger anstrengend und vor allem nicht folgenlos für diejenigen, die sie übernehmen. Und das sind nach wie vor überwiegend Frauen. Sie reduzieren ihre Erwerbsarbeitszeit, verzichten auf Einkommen und Karrierechancen, haben geringere Pensionsansprüche und tragen ein höheres Risiko, im Alter finanziell schlecht abgesichert zu sein. Das ist kein „Business Case“. Das ist wirtschaftliche Realität.

Wer Care-Arbeit romantisiert, übersieht ihre Rechnung

Genau deshalb irritiert die Aussage des Bundeskanzlers. Denn selbstverständlich soll niemand für jede vorgelesene Gutenachtgeschichte einen Stundensatz berechnen. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um eine viel grundsätzlichere Frage: Wer bezahlt eigentlich den Preis dafür, dass unsere Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass Menschen unbezahlt Sorgearbeit leisten?

Denn Kinder werden nicht von selbst groß. Alte Menschen versorgen sich nicht automatisch. Kranke Angehörige pflegen sich nicht alleine. Hinter all diesen Leistungen stehen Zeit, Kraft, Organisation, Verzicht – und sehr oft eine Frau.

Die unbezahlte Arbeit verschwindet nicht dadurch, dass wir beschließen, sie nicht Arbeit zu nennen. Sie verschwindet lediglich aus der Rechnung. Und praktischerweise damit auch jene, die sie leisten.

Verantwortung füreinander? Unbedingt!

Besonders interessant ist Stockers Hinweis auf die „gegenseitige Verantwortung“ in einer Familie. Auch hier: volle Zustimmung. Dann sollten wir allerdings einmal genauer hinschauen, wie gegenseitig diese Verantwortung tatsächlich verteilt ist.

Solange Frauen wesentlich mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen, häufiger Teilzeit arbeiten, beruflich zurückstecken und daraus langfristige finanzielle Nachteile tragen, reicht es nicht, gegenseitige Verantwortung zum Familienideal zu erklären. Dann muss Politik Bedingungen schaffen, unter denen sie auch gelebt werden kann.

Dazu gehören verlässliche und leistbare Kinderbetreuung, Öffnungszeiten, die zu realen Arbeitszeiten passen, eine partnerschaftlichere Verteilung von Care-Arbeit, eine Arbeitswelt, in der Väter ebenso selbstverständlich Betreuungsverantwortung übernehmen, und eine soziale Absicherung, die Menschen nicht dafür bestraft, dass sie sich um andere kümmern.

Das wäre eine ziemlich konkrete Form von Wertschätzung.

Ein kleiner Gedankenversuch

Was würde passieren, wenn Eltern morgen früh beschlössen, all jene Tätigkeiten einzustellen, die angeblich keine Arbeit sind? Keine Kinder in Kindergarten und Schule bringen. Keine Jause richten. Keine Wäsche waschen. Keine Termine organisieren. Keine kranken Kinder betreuen. Keine Hausaufgaben begleiten. Keine Betreuung während der Ferien sicherstellen. Österreich hätte vermutlich noch vor dem Mittagessen ein beachtliches Problem.

Offenbar handelt es sich bei dieser „Nicht-Arbeit“ um etwas, ohne das unsere gesamte Erwerbs- und Volkswirtschaft erstaunlich schlecht funktioniert. Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Sorgearbeit dadurch zu würdigen, dass wir sie romantisieren.

Liebe braucht keine Lohnabrechnung. Aber Menschen, die Sorgearbeit leisten, brauchen Anerkennung, faire Rahmenbedingungen und ökonomische Sicherheit.

Und ja, Herr Bundeskanzler: Familie ist viel mehr als ein Rechenbeispiel.

Aber wenn bei der gesellschaftlichen Rechnung am Ende wieder einmal vor allem Frauen draufzahlen, dann sollten wir sehr wohl anfangen zu rechnen.

Gerti Rohrmoser

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