Gerechtigkeit & Engagement

„War doch nur Spaß!“Oder doch nicht?

Warum Sexismus heute oft geschniegelt, höflich daherkommt und gerade deshalb so schwer zu erkennen ist.

Ich mag Humor.
Ich lache gern. Auch über mich selbst. Wer mich kennt, weiß das.
Aber es gibt diesen ganz besonderen Humor, bei dem meistens nur einer lacht. Derjenige nämlich, der gerade einen sexistischen Spruch gemacht hat.
Und wenn das Gegenüber nicht mitlacht?
Dann kommt zuverlässig der Nachsatz:
„Jetzt mach dich mal locker. War doch nur Spaß!“
Ach so.
Dann ist ja alles gut.
Oder vielleicht doch nicht?

Sexismus hat dazugelernt.

Früher war vieles einfacher zu erkennen.
Da war ziemlich klar, wer bestimmen durfte, wer arbeiten geht und wer zu Hause bleibt. Frauen mussten um Rechte kämpfen, die uns heute selbstverständlich erscheinen: Bildung, Beruf, Wahlrecht, wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Zum Glück haben wir schon viel erreicht.
Aber wer glaubt, Sexismus sei deshalb ausgestorben, verwechselt ihn mit den Dinosauriern.
Er lebt noch.
Er hat sich nur ein neues Outfit gekauft.
Heute trägt er oft ein freundliches Lächeln, nennt sich Humor, verkauft sich als Kompliment und zwinkert verschwörerisch dabei.

Das berühmte Grundrauschen

Da wird die Expertin auf einer Fachtagung mit ihrem Vornamen vorgestellt. Ihr Kollege selbstverständlich mit Professorentitel.
Da entschuldigt sich ein Gesprächspartner mit den Worten:
„So hübsche Damen sollte man doch nicht einfach stehen lassen.“
Da empfiehlt der Chef vor einer wichtigen Präsentation lieber einen Rock als überzeugende Argumente.
Und jedes Mal denkt irgendjemand:
„Jetzt übertreibt doch nicht. Das ist doch eine Kleinigkeit.“
Stimmt. Jedes einzelne Mal ist es eine Kleinigkeit. Das Problem ist nur: Aus lauter Kleinigkeiten entsteht irgendwann Normalität.

Die Kunst, Frauen zu loben …

Mein persönlicher Favorit?
„Dafür, dass Sie eine Frau sind, haben Sie das Projekt wirklich hervorragend geleitet.“
Herzlichen Dank!
Soll das jetzt ein Lob sein?
Es klingt ungefähr so charmant wie:
„Für Ihr Alter sehen Sie aber erstaunlich frisch aus.“
Man weiß nie so genau, ob man sich bedanken oder beleidigt fühlen soll.

Kaffee. Natürlich.

Besonders faszinierend finde ich die kleinen Alltagsrituale. Der Kollege betritt den Besprechungsraum.
Schaut sich um. Vier Männer. Eine Frau. Und fragt selbstverständlich die Frau: „Kannst du vielleicht schnell Kaffee machen?“
Vielleicht war das tatsächlich Zufall. Vielleicht. Ich schlage deshalb einen kleinen Selbsttest vor.
Beim nächsten Meeting einfach denselben Satz zum männlichen Kollegen sagen.
Mal sehen, wie selbstverständlich er plötzlich noch klingt.

Das Zauberwort heißt Ironie

Sexismus hat heute eine „Geheimwaffe“. Besonders gern tarnt er sich als Ironie.
„Du weißt doch, dass ich Frauen grundsätzlich weniger ernst nehme.“ Gelächter. Zwinkern. Thema erledigt.
Denn Ironie hat einen unschlagbaren Vorteil: Man kann jederzeit behaupten, es sei gar nicht ernst gemeint gewesen.
Praktisch.
Vor allem für denjenigen, der den Witz gemacht hat.

„Sei doch nicht so empfindlich!“

Fast noch erstaunlicher als der Spruch selbst ist oft die Reaktion darauf.
„War doch nicht so gemeint.“
„Reg dich nicht auf.“
„Verstehst du keinen Spaß?“
Interessant.
Denn irgendwie wird nie verlangt, dass der scheinbare Witzbold sein Verhalten überdenkt.
Stattdessen soll die Betroffene ihre Empfindlichkeit überdenken.
Auch eine Form von Arbeitsteilung.

Es geht nicht um Kaffee.

Und auch nicht um Komplimente.
Es geht um Macht.
Darum, wer selbstverständlich als kompetent gilt.
Wer zuerst gefragt wird.
Wessen Beiträge als „wichtige Wortmeldung“ gelten – und wessen als „Plauderei“.
Wer den Kaffee serviert.
Und wer die Sitzung leitet.
Natürlich passieren solche Dinge nicht immer bewusst.
Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Nicht um Schuldige zu suchen.
Sondern um Muster zu erkennen.

Erkennen. Benennen. Beenden.

Es gibt keine Patentlösung gegen Sexismus.
Nicht jede Frau kann oder möchte in jeder Situation widersprechen. Und ehrlich gesagt: Sie sollte das auch gar nicht müssen.
Denn Sexismus ist kein Frauenproblem.
Er ist ein Gesellschaftsproblem.
Deshalb beginnt Veränderung nicht erst dort, wo jemand laut protestiert.
Sie beginnt viel früher.
In dem Moment, in dem wir aufhören, alles mit einem Achselzucken abzutun.
In dem Moment, in dem wir uns fragen:
Hätte ich denselben Satz auch zu einem Mann gesagt?
Und falls die Antwort Nein lautet …
… war es vielleicht doch nicht einfach nur Spaß!

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