Glauben Frauen anders als Männer? Man könnte jetzt wunderbar in die Klischeekiste greifen. Frauen seien spiritueller, emotionaler und beziehungsorientierter. Männer rationaler, nüchterner und mehr an Lehre und Institution interessiert. Klingt hübsch. Ist aber ungefähr so zuverlässig wie die Behauptung, Frauen könnten nicht einparken und Männer nicht über Gefühle reden.
Also versuchen wir es noch einmal: Glauben Frauen anders?
Vielleicht nicht, weil sie Frauen sind. Aber möglicherweise deshalb, weil Frauen über Jahrhunderte unter anderen Bedingungen geglaubt haben als Männer. Denn es macht einen Unterschied, ob man eine Religion aus jener Position erlebt, aus der heraus ihre Lehren formuliert, ihre Regeln festgelegt und ihre Ämter besetzt werden – oder ob man zu jenen gehört, über die dabei häufig gesprochen wird. Und damit sind wir schon mittendrin.
Gott ist kein Mann. Wirklich nicht.
„Vater unser im Himmel …“
Für viele Christinnen und Christen gehören diese Worte zu den vertrautesten ihres Glaubens. Und daran ist überhaupt nichts falsch. Schwierig wird es nur, wenn aus einem Bild für Gott beinahe das Bild Gottes wird. Vater. Herr. König. Richter. Herrscher.
Wer mit christlicher Sprache aufgewachsen ist, merkt oft gar nicht mehr, wie männlich unser Reden über Gott geprägt ist.
Dabei ist die Bibel selbst viel einfallsreicher. Gott tröstet wie eine Mutter, birgt Menschen unter Flügeln, gebiert und nährt. Gottes Weisheit begegnet uns als weibliche Sophia. Und gleich am Anfang der Bibel heißt es, Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen: männlich und weiblich.
Theologisch ist die Sache ohnehin klar: Gott ist weder Mann noch Frau. Nur scheint diese Erkenntnis über Jahrhunderte erstaunlich wenig Einfluss auf unsere Bilder, unsere Sprache – und übrigens auch auf unsere kirchlichen Machtverhältnisse gehabt zu haben.
Die amerikanische Theologin Mary Daly formulierte es 1973 radikal: „If God is male, then the male is God.“ Wenn Gott männlich ist, wird das Männliche göttlich. Autsch!
Man muss Dalys Theologie keineswegs in allem teilen. Aber diesen Satz bekommt man nicht so leicht aus dem Kopf. Denn wenn Gott immer männlich vorgestellt wird, Jesus ein Mann war, die zwölf Jünger Männer waren – zumindest die zwölf namentlich herausgehobenen –, Pfarrer, Bischöfe, Professoren und Kirchenväter Männer sind und Männer erklären, was Gott von uns möchte, kann irgendwann der Eindruck entstehen: Der Himmel ist offenbar ziemlich männlich besetzt. Zum Glück erzählt die Bibel eine vielfältigere Geschichte.
Frauen lesen die Bibel – und entdecken Erstaunliches
Irgendwann begannen Frauen nämlich, eine ausgesprochen unverschämte Frage zu stellen: Was passiert eigentlich, wenn wir die Bibel selbst auslegen?
Das war keineswegs selbstverständlich. Über viele Jahrhunderte betrieben fast ausschließlich Männer akademische Theologie. Männer schrieben Bibelkommentare, formulierten Glaubenslehren, trafen kirchliche Entscheidungen und erklärten von Kanzeln, was Gott von den Menschen erwartete.
Frauen kamen darin durchaus vor: Als Eva und Maria, Sünderin und Heilige, Jungfrau und Mutter, Ehefrau, Verführerin, Dienende und Fürsorgende. Mit anderen Worten: Über Frauen wurde theologisch erstaunlich viel gesprochen. Mit ihnen deutlich weniger. Feministische Theologie begann, das zu verändern.
Und mit „Feministischer Theologie“ ist keineswegs eine Art „Frauenabteilung“ der Theologie gemeint. Feministische Theologie fragt vielmehr, welche Erfahrungen und Interessen unsere Auslegung der Bibel geprägt haben. Sie sucht nach vergessenen Frauen, hinterfragt Machtverhältnisse und nimmt ernst, dass auch die Lebenswirklichkeit der Lesenden beeinflusst, was sie in einem Text entdecken.
Und siehe da: Plötzlich tauchen Frauen auf, die vorher bemerkenswert leicht übersehen worden waren. Hagar etwa, die versklavte und vertriebene Frau, die Gott in der Wüste begegnet und ihm einen Namen gibt: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“
Schifra und Pua, zwei Hebammen, die sich dem mörderischen Befehl des Pharaos widersetzen.
Maria Magdalena, erste Zeugin der Auferstehung und Verkünderin der Osterbotschaft.
Phoebe, Junia, Priska und andere Frauen, die in den ersten christlichen Gemeinden Verantwortung trugen.
Feministische Theologie schmuggelt also keine Frauen nachträglich in die Bibel hinein.
Sie wischt nur gelegentlich den Staub weg, unter dem sie verschwunden sind.
Ist Demut für alle dasselbe?
Noch etwas geschah: Frauen begannen, ihre eigenen Erfahrungen als theologisch relevant zu betrachten. Das klingt heute selbstverständlich. Ist es aber keineswegs.
Nehmen wir Begriffe wie Demut, Gehorsam, Dienen, Selbstverleugnung und Opferbereitschaft. Sie gehören zur christlichen Tradition und haben ihren guten Sinn. Aber dieselbe Botschaft kann für unterschiedliche Menschen etwas völlig anderes bedeuten.
Wer gewohnt ist, Macht auszuüben, kann durch Demut tatsächlich etwas lernen. Aber muss man einer Frau, der ihr Leben lang beigebracht wurde, sich zurückzunehmen, wirklich noch mehr Selbstverleugnung predigen? Muss eine Frau, die Gewalt erlebt, lernen zu vergeben – oder muss sie zuerst lernen dürfen, Nein zu sagen und zu gehen? Muss jemand, der ohnehin selbstverständlich für Kinder, Eltern, Angehörige und Gemeinde sorgt, noch eindringlicher zum Dienen aufgefordert werden?
Und ist Gehorsam wirklich immer eine christliche Tugend? Oder war nicht manches beherzte „So nicht!“ in der Geschichte sehr viel näher am Evangelium?
Feministische Theologie stellt solche Fragen. Nicht weil sie die Bibel abschaffen möchte. Sondern weil sie sie ernst nimmt. Und weil sie misstrauisch wird, wenn eine Bibelauslegung erstaunlich zuverlässig denen nützt, die ohnehin das Sagen haben.
Frauen und Kirche: Wir machen das schon!
Frauen haben ihre Kirchen über Generationen getragen. Sie haben Kindergruppen geleitet, Gemeindefeste organisiert, Kuchen gebacken, Kranke besucht, Basare veranstaltet, für die Mission gesammelt, Kirchen geschmückt, Seniorenkreise betreut, Weltgebetstage vorbereitet, Gemeindebriefe ausgetragen und vermutlich einige Millionen Häferl Kaffee gekocht. Ohne Frauen wären viele Gemeinden vermutlich spätestens am nächsten Sonntag organisatorisch zusammengebrochen.
Nur: Wer traf eigentlich die Entscheidungen?
Da wurde es plötzlich übersichtlicher.
Lange Zeit funktionierte kirchliche Gleichberechtigung ungefähr so:
Frauen durften mitarbeiten.
Männer durften mitbestimmen.
Frauen sorgten für Gemeinschaft.
Männer leiteten die Institution.
Frauen waren die „guten Seelen“.
Männer hatten die Ämter.
Und das Erstaunliche ist: Man konnte das sogar theologisch begründen.
Heute hat sich glücklicherweise viel verändert. In den evangelischen Kirchen können Frauen Pfarrerinnen, Superintendentinnen und Bischöfinnen sein und selbstverständlich Leitungsverantwortung übernehmen. Damit wäre also alles erledigt? Na ja…
Gesetze und Kirchenordnungen lassen sich schneller ändern als Kulturen. Noch immer kennen viele Frauen die Erfahrung, in einem Gremium einen Gedanken einzubringen, der zunächst wenig Beachtung findet – bis ein Mann zehn Minuten später ungefähr dasselbe sagt und plötzlich allgemeines Kopfnicken ausbricht.
Noch immer werden Durchsetzungsstärke, Selbstbewusstsein und klare Ansagen bei Männern und Frauen unterschiedlich wahrgenommen. Ein Mann ist „führungsstark“. Eine Frau kann erstaunlich schnell als „schwierig“ gelten.
Und noch immer wird Fürsorgearbeit – auch in Kirchen – gern als etwas betrachtet, das Frauen eben irgendwie besonders gut können. Praktischerweise ehrenamtlich!
Dürfen Frauen nur mitmachen – oder auch verändern?
Deshalb reicht die Frage heute nicht mehr: Dürfen Frauen in der Kirche alles? Die spannendere Frage lautet: Wie verändert sich Kirche, wenn Frauen alles dürfen?
Denn Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Frauen endlich dieselben Positionen einnehmen dürfen und dort möglichst genauso funktionieren wie die Männer vor ihnen. Es bedeutet auch, Strukturen zu hinterfragen: Wie führen wir? Wie gehen wir mit Macht um? Wer wird gehört? Welche Arbeit gilt als wichtig? Wer sitzt am Sitzungstisch – und wer räumt nachher die Kaffeetassen weg? Wer spricht über Care-Arbeit, Armut, Gewalt gegen Frauen oder Alleinerziehende – und wer entscheidet über Budgets?
Das sind keine Nebensächlichkeiten.
Das ist Kirche.
Und vielleicht bringen Frauen, die selbst Ausgrenzung, Mehrfachbelastung oder das berühmte „Sei doch nicht so empfindlich“ erlebt haben, einen anderen Blick auf manche dieser Fragen mit.
Nicht weil Frauen automatisch netter, sozialer oder moralisch überlegen wären.
Sondern weil Menschen vom Rand aus manchmal Dinge sehen, die aus der Mitte erstaunlich unsichtbar bleiben.
Frauen tragen Kirche – aber bleiben sie auch?
Kirchen sollten allerdings nicht darauf vertrauen, dass Frauen das alles weiterhin brav mitmachen. Lange galten Frauen als religiöser und kirchentreuer als Männer. Sie beteten häufiger, besuchten häufiger Gottesdienste und engagierten sich stärker in Gemeinden.
Aber diese vermeintliche Selbstverständlichkeit bröckelt. Und vielleicht sollten wir darüber weniger erstaunt sein.
Denn warum sollte eine junge Frau einer Institution besonders verbunden sein, wenn sie den Eindruck bekommt, dass dort über Gleichberechtigung gesprochen wird, während manche Strukturen noch aus einer Welt stammen, in der Gleichberechtigung gar nicht vorgesehen war?
Warum sollte sie sich für eine Kirche engagieren, wenn ihre Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit, unterschiedlichen Lebensformen, Care-Arbeit, Gewalt oder Macht als „Spezialthemen“ behandelt werden?
Und warum sollte sie ihre Zeit einer Gemeinschaft schenken, wenn sie dort zwar dringend zum Mitarbeiten gebraucht wird, aber weniger gefragt ist, sobald es darum geht, wohin die Reise eigentlich geht?
Vielleicht gehen manche Frauen nicht, weil sie zu wenig glauben. Vielleicht gehen sie, weil sie der Kirche zu wenig glauben. Das ist ein Unterschied.
Also: Glauben Frauen anders?
Vielleicht.
Aber vermutlich nicht deshalb, weil Frauen irgendwo ein besonderes religiöses Gen besitzen.
Frauen glauben aus ihren Erfahrungen heraus – genauso wie Männer.
Nur galten männliche Erfahrungen über Jahrhunderte gar nicht als männliche Erfahrungen. Sie galten einfach als menschliche Erfahrungen. Männliche Theologie war „Theologie“. Männliche Gottesbilder waren „Gottesbilder“. Männliche Leitungskulturen waren eben „Kirche“.
Erst als Frauen ihre Perspektive einbrachten, bekam diese vermeintliche Neutralität Risse.
Und das war ein Geschenk.
Nicht nur für Frauen.
Denn feministische Theologie hat den christlichen Glauben nicht kleiner gemacht. Sie hat seinen Horizont erweitert. Sie hat verschüttete biblische Geschichten freigelegt, neue Gottesbilder entdeckt, nach Macht und Gerechtigkeit gefragt und Erfahrungen zur Sprache gebracht, die vorher kaum vorkamen.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb am Ende gar nicht: Glauben Frauen anders? Sondern: Wie viel von Gott haben wir eigentlich übersehen, solange vor allem Männer erklären durften, wie Gott zu verstehen ist?
Und vielleicht noch eine zweite: Was könnten wir entdecken, wenn wirklich alle mitreden dürfen?
WEITERLESEN & WEITERDENKEN
Frauen, die die Theologie durcheinandergebracht haben
Dorothee Sölle (1929–2003)
Sie gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Theologinnen des 20. Jahrhunderts und verband Glauben mit politischer Verantwortung, Mystik, Friedensarbeit und Feminismus. Sölle wollte keine Theologie, die Gott irgendwo im Himmel verwaltet, während auf der Erde Ungerechtigkeit herrscht. Ihre Frage war immer auch: Was hat unser Reden von Gott mit unserem Handeln zu tun?
*Elisabeth Schüssler Fiorenza (1938)
Die deutsch-amerikanische Neutestamentlerin gehört zu den Pionierinnen feministischer Bibelauslegung. Besonders wichtig wurde ihre Rekonstruktion der Rolle von Frauen im frühen Christentum. Ihr berühmtes Buch In Memory of Her – Zu ihrem Gedächtnis zeigt, wie sehr Frauen zur frühen Jesusbewegung und zu den ersten christlichen Gemeinden gehörten – und wie leicht sie später aus der Erinnerung verschwanden.
Luise Schottroff (1934–2015)
Sie las biblische Texte konsequent mit Blick auf soziale Wirklichkeit, Armut, Herrschaft und Geschlechterverhältnisse. Gemeinsam mit anderen Theologinnen prägte sie die feministische Bibelauslegung im deutschsprachigen Raum entscheidend. Besonders wichtig war ihr, die Bibel nicht als zeitlose Sammlung frommer Wahrheiten zu lesen, sondern zu fragen: Unter welchen Bedingungen lebten die Menschen, von denen hier erzählt wird?
*Ina Praetorius (1956)
Die Schweizer Theologin und Autorin denkt über Wirtschaft, Care, Abhängigkeit und menschliches Zusammenleben aus feministischer Perspektive nach. Besonders spannend: Sie rückt Fürsorge aus der Ecke des vermeintlich privaten „Frauenkrams“ ins Zentrum gesellschaftlichen und theologischen Denkens. Denn Menschen sind nicht zuerst unabhängige Einzelwesen – wir kommen abhängig zur Welt und bleiben aufeinander angewiesen.
Mary Daly (1928–2010)
Eine der radikalsten Stimmen feministischer Theologie. Ihr Satz „If God is male, then the male is God“ wurde berühmt. Daly ging später weit über eine Reform christlicher Theologie hinaus und brach schließlich mit dem Christentum. Gerade deshalb lohnt die Auseinandersetzung mit ihr: Sie stellte Fragen, denen Kirchen nicht einfach dadurch entkommen, dass ihnen die Antworten zu radikal erscheinen.
Bücher zum Einsteigen
Dorothee Sölle: Gott denken
Ein guter Zugang zu Sölles theologischer Denkweise und ihrer Überzeugung, dass Glauben niemals von der Welt und ihrer Ungerechtigkeit getrennt werden kann.
Elisabeth Schüssler Fiorenza: Zu ihrem Gedächtnis
Ein Klassiker feministischer Bibelwissenschaft. Nicht unbedingt leichte Bettlektüre – aber ein Meilenstein.
Elisabeth Moltmann-Wendel: Ein eigener Mensch werden
Eine wichtige Stimme der deutschsprachigen feministischen Theologie, die Glauben, Körperlichkeit, weibliche Erfahrung und Selbstbestimmung miteinander verbindet.
Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care
Keine klassische Einführung in feministische Theologie – gerade deshalb spannend. Praetorius zeigt, was passiert, wenn wir Sorge, Abhängigkeit und menschliche Bedürfnisse nicht länger als Nebensache betrachten.
Bibel in gerechter Sprache
Keine „Frauenbibel“, sondern der Versuch, beim Übersetzen genauer hinzusehen: auf Geschlechtergerechtigkeit, soziale Verhältnisse und besonders auch auf das Verhältnis von Christentum und Judentum. Manche Formulierungen sind ungewohnt, manche werden Widerspruch hervorrufen. Genau deshalb eignet sie sich wunderbar dazu, vertraute Bibeltexte plötzlich wieder neu zu hören.
Und wer noch weiterstöbern möchte …
Es lohnt sich auch, nach Elisabeth Moltmann-Wendel, Helen Schüngel-Straumann, Silvia Schroer, Ivone Gebara, Letty Russell und Mercy Amba Oduyoye zu suchen. Denn feministische Theologie ist längst keine rein europäische oder nordamerikanische Angelegenheit. Theologinnen aus Afrika, Lateinamerika und anderen Weltregionen haben zusätzlich gezeigt, dass Geschlecht nie isoliert betrachtet werden kann: Armut, Kolonialismus, Hautfarbe, Herkunft und gesellschaftliche Macht entscheiden mit darüber, wessen Stimme gehört wird.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse feministischer Theologie: Es gibt nicht die eine Frauenperspektive. Aber eine Theologie, die auf die Erfahrungen von Frauen verzichten kann, kann auf einen ziemlich großen Teil der Menschheit offenbar ebenfalls verzichten.
Ob das im Sinne Gottes ist?
Wir haben da unsere Zweifel.