Bewahrung der Schöpfung

Frauen und Klimawandel

Die Rechnung zahlen andere

2019 sprach die österreichische Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb in unserem Magazin „efa“ über Klimawandel und Frauen. Sieben Jahre später greifen wir diese Gedanken wieder auf. Vieles, wovor damals gewarnt wurde, ist inzwischen Realität. Und deutlicher denn je zeigt sich: Die Klimakrise ist nicht nur eine ökologische Krise. Sie ist eine Frage von Macht, Gerechtigkeit – und Geschlecht.

Falls noch jemand auf ein Zeichen gewartet hat …

Der Frühling 2026 war in Österreich der trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen. Fast die Hälfte des üblichen Niederschlags fehlte. Grundwasserspiegel sanken, Flüsse führten ungewöhnlich wenig Wasser, die Donau kämpfte im Sommer mit Niedrigwasser. Dazu kamen extreme Temperaturen und neue Hitzerekorde. Man könnte also sagen: Der Klimawandel bemüht sich inzwischen wirklich redlich, auf sich aufmerksam zu machen. Er ist dabei nicht gerade subtil.

Und trotzdem hält sich mancherorts hartnäckig die Vorstellung, das alles könne vielleicht doch nicht menschengemacht sein. „Früher war es schließlich auch heiß“, lautet eines der beliebtesten Argumente. Stimmt. Früher hat es übrigens auch geregnet.

Das Klima interessiert sich bedauerlicherweise wenig für unsere Meinungen. Man kann über die Höhe von Steuern streiten, über Tempolimits, Windräder und darüber, ob ein Schnitzel zwingend größer sein muss als der Teller. Ob die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen das Klima erwärmen, ist dagegen keine Glaubensfrage. Naturgesetze lassen sich nicht abwählen.

Die Klimakrise trifft nicht alle gleich

Dürre, Überschwemmungen, steigende Meeresspiegel und Extremwetter zerstören weltweit Lebensgrundlagen. Ernten fallen aus, Wasser wird knapp, Menschen verlieren ihre Heimat. Aber die Klimakrise verteilt ihre Folgen ausgesprochen ungerecht.

Der Weltklimarat IPCC stellt fest, dass bestehende soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten die Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel entscheidend beeinflussen. Dazu gehört auch das Geschlecht. Frauen verfügen weltweit häufiger über weniger Einkommen, weniger Landbesitz, weniger Zugang zu Krediten und anderen Ressourcen und über weniger politische Macht. Gleichzeitig tragen sie vielerorts die Hauptverantwortung für die Versorgung ihrer Familien. Wird Wasser knapp, werden ihre Wege länger. Fallen Ernten aus, müssen sie trotzdem dafür sorgen, dass etwas auf den Tisch kommt. Werden Menschen krank oder pflegebedürftig, wächst die Sorgearbeit. Mädchen werden aus der Schule genommen, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wird. Wirtschaftliche Not, Vertreibung und Katastrophen erhöhen zudem das Risiko von Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel und frühen Verheiratungen.

UN Women bringt es auf den Punkt: Die Klimakrise ist nicht geschlechtsneutral. Sie verschärft Ungleichheiten, die längst da sind. Besonders zynisch dabei ist: Viele der Frauen, die ihre Folgen am härtesten treffen, haben selbst verschwindend wenig zu ihrer Entstehung beigetragen. Sie bekommen die Rechnung für eine Party präsentiert, zu der sie nie eingeladen waren.

Auch bei uns ist Hitze eine soziale Frage

Natürlich lässt sich die Situation einer Frau in Österreich nicht mit jener einer Kleinbäuerin in einer von Dürre betroffenen Region Afrikas gleichsetzen. Aber auch bei uns gilt: Wer Geld hat, schützt sich leichter. Wer in einer gut isolierten Wohnung oder einem Haus mit Garten lebt, erlebt 38 Grad anders als eine ältere Frau in einer aufgeheizten Dachgeschoßwohnung. Wer gut verdient, kann steigende Energie- und Lebensmittelpreise leichter abfedern. Wer sich ein Elektroauto leisten kann, diskutiert über klimafreundliche Mobilität aus einer anderen Position als jene Frau am Stadtrand, die für Arbeit, Kinderbetreuung und Pflegewege auf funktionierende öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist.

Und wer kümmert sich während einer Hitzewelle um kleine Kinder, alte Eltern, kranke oder pflegebedürftige Menschen? Wir ahnen es!

Die Klimakrise erfindet Ungleichheit nicht neu. Sie ist ausgesprochen effizient darin, vorhandene Ungleichheiten zu verschärfen. Darum ist Klimapolitik Sozialpolitik. Und Klimapolitik ist Frauenpolitik.

Nein, Frauen müssen jetzt nicht auch noch die Welt retten

An dieser Stelle lauert allerdings eine Falle: Wenn Frauen von der Klimakrise stärker betroffen sind, könnte man auf die Idee kommen, sie müssten sich eben besonders engagieren. Schließlich gelten Frauen doch als fürsorglich, verantwortungsbewusst und vorausschauend. Mütter denken an ihre Kinder und Enkelkinder – also wären sie vielleicht auch die besseren Klimaschützerinnen? Bitte nicht!

Frauen sind nicht aufgrund eines geheimnisvollen Fürsorge-Gens die besseren Menschen. Und mit der Geburt eines Kindes wird auch kein Nachhaltigkeitsprogramm automatisch mitinstalliert. Vor allem aber sollten wir Frauen nicht noch eine Aufgabe auf den ohnehin beachtlichen Stapel legen: Kinder betreuen, Angehörige pflegen, Haushalt organisieren, berufstätig sein, Beziehungen pflegen, Ehrenamt übernehmen – und wenn noch ein Stündchen übrig bleibt, bitte den Planeten retten. Nein.

Was wir brauchen, sind Frauen dort, wo über diesen Planeten entschieden wird: in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Energieversorgung, Landwirtschaft, Raumplanung und Verkehr. Nicht weil Frauen immer die besseren Entscheidungen treffen. Sondern weil es absurd ist, über die Lebensbedingungen der gesamten Menschheit zu entscheiden und die Erfahrungen und Perspektiven der Hälfte dieser Menschheit nicht gleichberechtigt einzubeziehen.

Und was hat Gott damit zu tun?

Für Christinnen und Christen kommt noch ein wichtiger Aspekt hinzu: Viel und gern reden wir von Bewahrung der Schöpfung. Der Ausdruck ist so vertraut geworden, dass er beinahe gemütlich klingt. Ein bisschen nach Erntedank, Blumen am Altar, summenden Bienen und sorgfältig getrenntem Biomüll. Die biblische Vorstellung von Schöpfungsverantwortung ist allerdings unbequemer.

Die Erde gehört uns nicht.

Wir besitzen sie nicht. Wir haben sie nicht gemacht. Und wir haben deshalb auch kein göttlich verbrieftes Recht, ihre Ressourcen so lange auszubeuten, bis für andere kaum noch etwas übrig bleibt.

„Die Erde ist des HERRN“, heißt es in Psalm 24. Das ist ein erstaunlich aktueller Satz. Und wenn die Erde nicht uns gehört, dann dürfen wir mit ihr auch nicht umgehen, als wäre sie ein Rohstofflager mit angeschlossener Müllhalde.

Und noch etwas gehört zum Kern unseres Glaubens: die Frage nach Gerechtigkeit. Wer trägt die Lasten? Wer profitiert? Wer entscheidet? Wer wird gehört? Und wer bezahlt am Ende den Preis? Eine Klimapolitik, bei der diejenigen mit dem kleinsten ökologischen Fußabdruck die größten Folgen tragen, ist nicht nur ökologisch katastrophal. Sie ist ungerecht. Und Ungerechtigkeit ist für Christinnen und Christen keine ökologische Nebensache.

Der Joghurtbecher wird uns nicht retten

Natürlich beginnt Verantwortung auch bei uns selbst. Wir können weniger verschwenden, bewusster konsumieren, Dinge länger verwenden, weniger Fleisch essen, Energie sparen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Flüge hinterfragen. Alles richtig. Und selbstverständlich dürfen wir weiterhin den Joghurtbecher korrekt vom Aludeckel trennen. Nur sollten wir uns dabei nicht einreden lassen, wir hätten damit unseren persönlichen Beitrag zur Rettung des Weltklimas erledigt.

Die Vorstellung, die Klimakrise ließe sich hauptsächlich durch das richtige Einkaufsverhalten verantwortungsbewusster Konsumentinnen lösen, hat nämlich einen großen Vorteil: Sie ist für Politik und Wirtschaft ausgesprochen bequem. Dann liegt die Verantwortung bei uns im Supermarkt – und nicht dort, wo über Energieversorgung, Verkehrssysteme, Bodenverbrauch, Produktionsbedingungen, Milliardeninvestitionen und gesetzliche Rahmenbedingungen entschieden wird.

Persönliche Verantwortung ist wichtig. Aber sie darf nicht als Feigenblatt für fehlende politische Verantwortung dienen. „Macht euch die Erde untertan“ – wirklich?

Und vielleicht müssen wir auch einen biblischen Satz neu lesen, der über Jahrhunderte erstaunlich praktisch war: Der Mensch solle sich die Erde „untertan machen“. Man kann diesen Auftrag als Freibrief zur Herrschaft verstehen. – Man kann allerdings auch weiterlesen.

Der Mensch wird im zweiten Schöpfungsbericht in den Garten gesetzt, damit er ihn bebaut und bewahrt. Bewahren heißt nicht: möglichst viel herausholen, solange noch etwas da ist.

Biblische Herrschaft ist, wenn man sie an Gottes Vorstellung von Herrschaft misst, keine Lizenz zur Ausbeutung. Sie bedeutet Verantwortung für das, was einem anvertraut ist. Vielleicht wäre das sogar eine brauchbare Definition von Nachhaltigkeit: So leben, dass nach uns noch etwas übrig ist. Nicht nur für unsere eigenen Kinder und Enkel. Auch für Kinder, deren Namen wir nie kennen werden.

Hoffnung ist kein Beruhigungsmittel

Christlicher Glaube orientiert sich an der Hoffnung. Auch das kann gefährlich gemütlich werden. Denn Hoffnung bedeutet nicht: Gott wird es schon richten. Gott ist keine himmlische Reparaturabteilung, bei der wir den Planeten irgendwann mit dem Vermerk „leider etwas beschädigt“ abgeben können.

Christliche Hoffnung ist kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Sie ist ein Grund, sie aus den Taschen zu nehmen. Sie bedeutet, der Überzeugung zu widersprechen, es sei ohnehin schon für alles zu spät. Sie bedeutet, sich nicht damit abzufinden, dass wirtschaftliche Interessen grundsätzlich wichtiger sind als menschliches Leben. Sie bedeutet, Veränderungen auch dann einzufordern, wenn sie unbequem sind.

Und vielleicht müssen gerade wir Kirchen uns selbst fragen, wie glaubwürdig wir eigentlich von der Bewahrung der Schöpfung reden: Wie kaufen wir ein? Wie heizen wir? Wie bauen wir? Wie reisen wir? Wo legen wir Geld an? Welche politischen Entscheidungen kommentieren wir – und bei welchen schweigen wir lieber, weil es sonst unangenehm werden könnte?

Ein Schöpfungsgottesdienst im Grünen ist schön. Aber er ersetzt keine Haltung.

Wir sind diese Generation

Wir wissen inzwischen genug. Wir wissen, dass sich das Klima verändert. Wir wissen, warum. Wir wissen, dass die Folgen zunehmen werden, wenn wir nicht handeln. Und wir wissen, dass jene Menschen, die am wenigsten zur Krise beigetragen haben, besonders häufig ihre höchsten Rechnungen bezahlen. Was uns fehlt, ist nicht Wissen. Was uns fehlt, ist die Bereitschaft, aus diesem Wissen Konsequenzen zu ziehen.

Wir können unseren Lebensstil verändern. Wir können uns politisch einmischen. Wir können von Wirtschaft und Politik mehr verlangen als wohlklingende Klimaziele für irgendein fernes Jahr. Wir können in Kirchen, Gemeinden und Institutionen fragen, ob das, was wir tun, tatsächlich zu dem passt, was wir sonntags bekennen.

Und wir Frauen können etwas tun, das wir ohnehin seit Generationen ziemlich gut können: uns einmischen. Nicht weil Frauen die Welt retten müssen. Sondern weil es auch unsere Welt ist. Und weil christliche Hoffnung niemals bedeutet hat, darauf zu warten, dass jemand anderer anfängt.

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