Gerechtigkeit & Engagement

Vor den Vorhang: Gendermedizin

Eigentlich hätte hier ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer von der Medizinischen Universität Wien erscheinen sollen. Sie ist seit 2010 Österreichs erste Professorin für Gendermedizin und leitet das gleichnamige Institut. Leider konnte es aufgrund der aktuellen Lage trotz ursprünglicher Zusage nicht rechtzeitig stattfinden. So holen wir das Thema als solches „vor den Vorhang“ – gemeinsam mit den Forscher*innen, die es befeuern.

Gendermedizin – Was ist das?

Die Gendermedizin oder geschlechtsspezifische Medizin ist ein sehr junges, interdisziplinäres Fachgebiet. Sie entwickelte sich aus der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts und erlangte erstmals 1991 mit dem Leitartikel „Das Yentl-Syndrom“ von Bernadine Healy in der renommierten Medizinfachzeitschrift The New England Journal of Medicine internationale Bedeutung. Darin ergründet die Autorin, dass – so wie im gleichnamigen Film – Frauen bei einem Herzinfarkt erst männliche Symptome vorgeben müssen, um dieselbe Behandlung zu erfahren. Da Frauen bei Herzerkrankungen jedoch oftmals andere Symptome zutage legen, versterben sie auch öfter an den Folgen als Männer. Das zu ändern hat sich die einflussreiche Kardiologin folglich zur Aufgabe gemacht.

Bei der Gendermedizin geht es um Geschlechts- und Gender-sensible Medizin. Einerseits spielen dabei biologische Unterschiede wie etwa Gene oder Hormone eine Rolle, andererseits geht es um soziale oder gesellschaftliche Geschlechterrollen und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen und Männern. Die Gendermedizin fragt also etwa: Wurden Medikamente vor der Zulassung bei Männern und Frauen auf Nebenwirkungen getestet? Warum sterben mehr Frauen als Männer an Herzkrankheiten? Warum haben Männer ein größeres Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken? Weshalb haben Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer und warum sind sie umgekehrt oft länger chronisch krank?

Frauen sind kompliziert

Bis heute herrscht weithin die Meinung vor, dass Medikamente bei Männern und Frauen gleich wirken. Es gibt dieselben Dosierungen mit denselben Beipackzetteln für die gleiche Therapie. Dabei fehlen dafür manchmal die wissenschaftlichen Grundlagen. Denn als Norm galt bei der Medikamentenentwicklung bis ins 21. Jahrhundert fast ausschließlich das männliche Geschlecht: sowohl bei Untersuchungen von Zellen, bei Tierversuchen und in klinischen Studien. Das hat einen guten Grund, denn Frauen sind kompliziert. Ihr komplexer Zyklus und Hormonhaushalt führen zu einer großen Schwankungsbreite von Ergebnissen. Das macht medizinische Studien schwieriger und länger. So ist es wenig überraschend, dass Frauen zu 70% eher von Nebenwirkungen bei Medikamenten betroffen sind als Männer. Neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass deshalb gerade in der Frage der Dosierung von Medikamenten Unterscheidungen wichtig sind – nicht nur zwischen Kindern und Erwachsenen, sondern eben auch zwischen Männern und Frauen. Bis sich das auch in den Beipackzetteln niederschlägt, liegt noch ein weiter Weg vor uns.   

Männergrippe und Frauenhysterie

Tatsächlich haben Frauen mit ihrem doppelten Chromosomensatz XX ein stärkeres Immunsystem als Männer. Bei denen können sich Infekte deshalb auch schlimmer auswirken. Andererseits führt dieser spezielle Immunschutz genau auch dazu, dass Frauen weit häufiger von Autoimmunerkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen, Multiple Sklerose oder Rheuma betroffen sind.

Neben diesen körperlichen Unterscheidungen gibt es auch solche, die das Umfeld erzeugt. Wenn ein Mann und eine Frau mit unklaren Symptomen ärztliche Hilfe suchen, so können gängige Stereotype in der Behandlung enorme Auswirkungen haben. Neigt man etwa bei Frauen dazu, hinter Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Schweißausbrüchen, Übelkeit, Unwohlsein oder Angst ein psychisches Problem zu vermuten, macht man sich bei Männern viel eher auf die Suche nach körperlichen Ursachen. Das kann zur Folge haben, dass der Herzinfarkt oder Harninfekt einer Frau fälschlicherweise mit Beruhigungsmitteln und Antidepressiva behandelt wird, während die Depression des Mannes unerkannt bleibt. So erklärt sich die Gendermedizin beispielsweise eine höhere Sterblichkeit an Herzerkrankungen bei Frauen und die fast dreimal höhere Suizidrate bei Männern.

5 Fakten, die man wissen sollte

  1. Herzinfarkte werden bei Frauen oft nicht oder zu spät erkannt, weil der klassische, in den rechten Arm ausstrahlende Brustschmerz manchmal ausbleibt. Häufig treten Symptome wie Abgeschlagenheit, Kurzatmigkeit, Oberbauchschmerzen, Übelkeit oder Rückenschmerzen auf.
  2. Nur weil Frauen häufiger an Osteoporose, Depressionen oder Autoimmunerkrankungen leiden bedeutet es nicht, dass sie Männer nicht auch bekommen können. Gerade bei Depressionen vermutet man eine hohe Dunkelziffer, weil sie sich bei Männern mitunter anders zeigt, etwa durch gesteigerte Aggressivität, erhöhte Risikobereitschaft oder geringe Impulskontrolle.
  3. Frauen konzentrieren sich beim Thema Gesundheit mehr auf die Ernährung, Männer auf die Bewegung. Beides ist wichtig!
  4. Dank Östrogen sind Frauen bis zur Menopause vor Herz- und Gefäßerkrankungen weitestgehend geschützt. Manchmal können danach in der hormonellen Umstellung Turbulenzen auftreten, die das Herz, den Blutdruck und den Kreislauf betreffen.
  5. Diabetes ist bei Frauen medikamentös oft schwieriger einzustellen als bei Männern.

Maßgeschneiderte Medizin Prävention, Diagnose, Therapie und Rehabilitation

Die Zukunft geht ganz in Richtung patientenzentrierte, individualisierte Medizin. Es geht also zunehmend darum, für jede und jeden eine maßgeschneiderte, angepasste Prävention, Diagnose, Therapie und Rehabilitation zu finden. Und hier spielen die vielen neuen Erkenntnisse der Gendermedizin eine ganz wesentliche Rolle.

Mehr wissen. Weiterhören. Hilfe finden.

Wer nach der Lektüre denkt: „Das möchte ich genauer wissen“ – oder vielleicht sogar: „Genau so etwas habe ich selbst schon erlebt“ –, findet hier seriöse Informationen und Anlaufstellen.

Zum Weiterlesen

Vera Regitz-Zagrosek / Stefanie Schmid-Altringer: „Gendermedizin. Warum Frauen eine andere Medizin brauchen“
Scorpio Verlag, 2020. Verständlich geschrieben und nach wie vor ein sehr guter Einstieg. Das Buch zeigt anhand zahlreicher Beispiele, warum Krankheiten bei Frauen anders verlaufen können, Medikamente unterschiedlich wirken und die lange Orientierung am männlichen Körper Folgen bis heute hat.

Alexandra Kautzky-Willer (Hg.): „Gendermedizin. Prävention, Diagnose, Therapie“
Böhlau/UTB, 2012. Deutlich wissenschaftlicher und eher etwas für alle, die tiefer einsteigen möchten. Die Herausgeberin ist Internistin und seit 2010 Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien.

Österreichisches Gesundheitsportal: Gendergesundheit
Eine sehr gute erste Adresse im Internet: verständliche und qualitätsgesicherte Informationen über geschlechtsspezifische Unterschiede bei Erkrankungen, Diagnosen und Medikamenten – ohne Dr. Google und seine gelegentlich recht abenteuerlichen Diagnosen.

Zum Hören

„Hormongesteuert“ – MDR
Der Podcast beschäftigt sich vor allem mit Wechseljahren und Hormonen, beleuchtet dabei aber immer wieder genau jene Wissenslücken und Fehldiagnosen, die entstehen können, wenn weibliche Gesundheit zu wenig erforscht oder Beschwerden nicht richtig eingeordnet werden. Besonders interessant ist gleich die erste Folge: „Wechseljahre: Von Fehldiagnosen und Unwissen“.

Wer gezielt nach „Alexandra Kautzky-Willer Gendermedizin“ sucht, findet außerdem zahlreiche Interviews, Vorträge und Gespräche mit der österreichischen Pionierin der Gendermedizin.

Wenn ich das Gefühl habe: Da stimmt etwas nicht

Was aber, wenn es nicht nur um allgemeines Interesse geht? Wenn ich selbst das Gefühl habe, dass meine Beschwerden nicht ernst genommen, vorschnell als psychisch abgetan oder nicht ausreichend abgeklärt werden?

Dann darf man nachfragen. Und man darf sich eine zweite Meinung holen.

Hilfreich kann es sein, vor einem Arztbesuch Beschwerden, Zeitpunkt und Dauer sowie Medikamente aufzuschreiben und konkrete Fragen mitzunehmen:

  • Welche möglichen körperlichen Ursachen wurden bereits ausgeschlossen?
  • Welche anderen Diagnosen kommen infrage?
  • Könnte mein Geschlecht bei Symptomen, Erkrankungsrisiko oder Medikamentenwirkung eine Rolle spielen?
  • Welche weitere Untersuchung wäre sinnvoll?
  • Wo kann ich eine zweite fachärztliche Meinung bekommen?

FEM Med – Frauengesundheitszentrum in Wien

Eine besonders interessante Anlaufstelle ist FEM Med am Reumannplatz in Wien-Favoriten. Das Frauengesundheitszentrum versteht sich ausdrücklich als zentrale Informations- und Beratungsstelle rund um Gesundheit, Erkrankungen, Diagnosen und Befunde sowie zur Orientierung im Gesundheitssystem.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Gendermedizin. Angeboten werden Beratung und Information sowie Veranstaltungen und Workshops. Die Beratung ist in mehreren Sprachen möglich.

FEM Med
Reumannplatz 7, 1100 Wien
Tel. 01 890 22 22
www.femmed.at

Wenn aus dem unguten Gefühl eine Beschwerde wird

Wer den Eindruck hat, bei einer medizinischen Behandlung nicht ausreichend aufgeklärt, nicht angemessen behandelt oder in seinen Patientenrechten verletzt worden zu sein, kann sich an die Patientenanwaltschaft des jeweiligen Bundeslandes wenden.

Patientenanwaltschaften sind unabhängige und weisungsfreie Einrichtungen. Sie informieren über Patientenrechte, vermitteln bei Konflikten und unterstützen auch bei der außergerichtlichen Klärung möglicher Behandlungsfehler. Die Beratung ist kostenlos.

Welche Patientenanwaltschaft zuständig ist, hängt davon ab, in welchem Bundesland die betreffende Gesundheitseinrichtung liegt. Eine Übersicht über alle Patientenanwaltschaften und ihre jeweiligen Zuständigkeiten findet sich auf dem Österreichischen Gesundheitsportal.

Und noch etwas …

Wer mit Beschwerden wiederholt nicht ernst genommen wird, darf hartnäckig bleiben.

Denn zwischen  „Wir haben bisher keine Ursache gefunden“ und „Sie haben nichts“

liegt ein himmelweiter Unterschied.

Geschichte der Gendermedizin – wichtige Meilensteine

  • 1980er-Jahre: Die amerikanische Kardiologin Marianne Legato macht verstärkt auf Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Frauen und Männern aufmerksam. Die WHO beginnt, sich mit geschlechtsspezifischen Fragen der Gesundheit zu beschäftigen.
  • 1991: Die amerikanische Kardiologin Bernadine Healy veröffentlicht im New England Journal of Medicine ihren berühmten Artikel „The Yentl Syndrome“. Darin kritisiert sie die Benachteiligung von Frauen bei der Diagnose und Behandlung von Herzerkrankungen.
  • 1990er-Jahre: Die Berücksichtigung von Frauen in der medizinischen Forschung gewinnt zunehmend an Bedeutung. In den USA wird die Teilnahme von Frauen an öffentlich geförderter klinischer Forschung verbindlicher geregelt.
  • 2001: Die WHO empfiehlt, geschlechtsspezifische Aspekte systematisch in Gesundheitsvorsorge und Gesundheitspolitik einzubeziehen.
  • 2000er-Jahre: Vera Regitz-Zagrosek etabliert die Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin und wird zu einer der wichtigsten europäischen Pionierinnen der Gendermedizin.
  • 2010: Alexandra Kautzky-Willer erhält an der Medizinischen Universität Wien die erste Professur für Gendermedizin in Österreich.
  • 2014: Margarethe Hochleitner wird Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck; 2018 folgt ihre Professur für Medizin und Diversität.
  • 2016: Ein wichtiger Schritt in der medizinischen Forschung: Die US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) führen die Regel „Sex as a Biological Variable“ ein. Bei geförderten Forschungsprojekten muss das biologische Geschlecht nun bereits bei Planung, Durchführung, Auswertung und Veröffentlichung berücksichtigt werden. Das betrifft ausdrücklich auch Grundlagenforschung mit Zellen und Versuchstieren.
  • Ab 2018: Bei bestimmten großen, vom NIH geförderten klinischen Studien müssen Ergebnisse auch nach Geschlecht bzw. Gender ausgewertet und veröffentlicht werden. Es genügt also zunehmend nicht mehr, Frauen lediglich an Studien teilnehmen zu lassen – man muss auch untersuchen, ob sich die Ergebnisse unterscheiden.
  • Seit 2021: Auch die Europäische Union macht einen entscheidenden Schritt. Im Forschungsprogramm Horizon Europe muss die Genderdimension grundsätzlich in Forschungs- und Innovationsprojekten berücksichtigt werden, sofern sie für das jeweilige Thema relevant ist. Dabei geht es ausdrücklich sowohl um biologische Unterschiede als auch um soziale und kulturelle Geschlechterfaktoren.
  • Heute: Gendermedizin entwickelt sich immer stärker zu einem Bestandteil personalisierter bzw. präzisionsmedizinischer Ansätze. Geschlecht wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern gemeinsam mit Alter, genetischen Voraussetzungen, Lebensbedingungen, sozialem Umfeld und weiteren Faktoren.

Und trotzdem ist die Geschichte noch nicht zu Ende: Frauen sind zwar heute wesentlich besser in klinischen Studien vertreten als früher, doch gerade in der Grundlagenforschung, bei geschlechtsspezifischen Auswertungen und bei bestimmten Erkrankungen bestehen weiterhin Wissenslücken. Gendermedizin ist deshalb längst keine exotische Spezialdisziplin mehr – aber auch noch lange keine erledigte Aufgabe

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