Falls Sie am 3. Mai plötzlich feststellen, dass niemand an den Einkauf gedacht hat, die Waschmaschine nicht von allein läuft, die Kinder nicht geschniegelt in der Schule erscheinen und Oma noch immer auf ihren Arzttermin wartet – dann geraten Sie bitte nicht in Panik. Da ist einfach Frauen*streik.
Keine Angst – wir wollen die Welt nicht ins Chaos stürzen. Wir möchten nur einen kleinen Versuch wagen: einen Tag lang jene Arbeit sichtbar machen, die sonst wie durch Zauberhand erledigt wird. Wäsche wird nämlich erstaunlicherweise nicht von selbst sauber. Kühlschränke füllen sich nicht über Nacht. Kinder wachsen nicht nach dem Prinzip „Selbstläufer“ auf. Und auch betagte Eltern werden nicht von guten Geistern gepflegt. Irgendjemand macht das alles. Und dieser Irgendjemand heißt erstaunlich oft: Frau.
Das bisschen Haushalt …
Wer kennt ihn nicht, den legendären Satz: „Das bisschen Haushalt macht sich von allein.“ Er war schon falsch, als Johanna von Koczian ihn 1977 mit einem Augenzwinkern sang. Und fast fünfzig Jahre später ist er nicht lustiger geworden. Nur raffinierter.
Frauen erinnern an Impftermine, organisieren Geburtstagsgeschenke, wissen, wann die Turnschuhe zu klein geworden sind, buchen Arzttermine, planen Urlaube, kaufen Weihnachtsgeschenke, kümmern sich um pflegebedürftige Angehörige – und erledigen ganz nebenbei noch ihren Beruf. Man nennt das gern Multitasking. Ehrlicher wäre allerdings der Begriff erschöpfender Dauerzustand.
Unsichtbar heißt nicht wertlos
Unsere Wirtschaft rechnet in Euro. Nicht in Fürsorge. Sie kennt den Preis einer Arbeitsstunde, aber kaum den Wert einer schlaflosen Nacht am Krankenbett. Sie bilanziert Unternehmensgewinne, aber keine tröstenden Gespräche, keine gepflegten Wunden, keine Brotdosen, keine Elternabende. Dabei würde unsere Gesellschaft ohne diese Arbeit vermutlich schon am Montagvormittag kollabieren.
Der Frauenstreik erinnert daran. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern mit einer einfachen Frage: Was würde heute eigentlich alles nicht funktionieren, wenn Frauen tatsächlich einmal nichts täten? Die Antwort könnte unangenehm werden.
„Aber wir sind doch längst gleichberechtigt!“
Dieser Satz fällt zuverlässig immer dann, wenn jemand nicht genauer hinschauen möchte. Ja, Frauen dürfen wählen. Studieren. Konten eröffnen. Verträge unterschreiben. Das ist wunderbar!
Es ist allerdings ein etwas merkwürdiges Verständnis von Gleichberechtigung, wenn wir die Rechte feiern, die unsere Großmütter mühsam erkämpft haben, während wir gleichzeitig akzeptieren, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen, häufiger von Altersarmut betroffen sind, den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit leisten und Gewalt gegen Frauen noch immer zum Alltag gehört. Wer ernsthaft behauptet, der Kampf sei beendet, verwechselt den Startschuss mit dem Zieleinlauf.
Und wer glaubt, Gleichstellung sei längst erreicht, hat vermutlich noch nie versucht zu erklären, warum die Berufe, ohne die unsere Gesellschaft innerhalb weniger Tage zusammenbrechen würde – Pflege, Kinderbetreuung, soziale Arbeit oder Reinigung – noch immer überwiegend von Frauen ausgeübt und gleichzeitig oft schlechter bezahlt werden als andere Tätigkeiten mit vergleichbarer Verantwortung.
Warum gerade wir als Evangelische Frauenarbeit?
Mehr, als manche vielleicht auf den ersten Blick vermuten. Seit Jahrzehnten setzt sich die Evangelische Frauenarbeit für Chancengerechtigkeit, Bildung, soziale Gerechtigkeit, die gerechte Verteilung von Sorgearbeit und die Würde aller Menschen ein. Nicht, weil das gerade modern ist, sondern weil unser Glaube uns dazu herausfordert. Wer an die gleiche Würde aller Menschen glaubt, kann bei struktureller Ungleichheit schwer achselzuckend sagen: „So ist das halt!“
Christlicher Glaube war nie dazu gedacht, Ungerechtigkeit zu verwalten. Er will sie überwinden. Wir meinen der Auftrag von Kirche ist es nicht den Status quo zu segnen, sondern Menschen Mut zu machen, die Welt gerechter zu gestalten.
Jesus hat Frauen weder in die Küche noch auf die Zuschauertribüne verwiesen. Er hat mit ihnen gesprochen, sie ernst genommen, sie beauftragt und sie gegen alle gesellschaftlichen Erwartungen sichtbar gemacht. Man könnte fast sagen: Für manche seiner Zeitgenossen war Jesus erstaunlich feministisch. Deshalb verstehen wir Solidarität nicht als modisches Schlagwort. Sondern als gelebte Nächstenliebe.
Müssen jetzt alle streiken?
Nein. Nicht jede Frau kann ihre Arbeit niederlegen. Gerade jene, die in Pflege, Kinderbetreuung oder sozialen Berufen arbeiten, können oft gar nicht streiken, weil dann Menschen leiden würden. Und genau darin liegt die Ironie. Ausgerechnet jene Arbeit, auf die niemand verzichten kann, wird häufig am schlechtesten bezahlt und gleichzeitig als selbstverständlich erwartet. Vielleicht sollte uns das zu denken geben.
Was können wir tun?
Wie gesagt: Nicht jede wird am 3. Mai ihre Arbeit niederlegen können. Und nicht alle werden demonstrieren. Aber jede und jeder kann ein Zeichen setzen.
- Informieren Sie sich über die Ziele und Forderungen des Frauenstreiks.
- Unterstützen Sie Veranstaltungen und Aktionen in Ihrer Nähe.
- Kommen Sie mit anderen ins Gespräch.
- Fragen Sie sich ehrlich: Wer trägt bei uns zu Hause die mentale Last?
- Teilen Sie Verantwortung gerechter.
- Machen Sie sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt.
- Und zeigen Sie sich solidarisch – denn Gleichstellung ist kein Frauenthema. Sie betrifft unsere gesamte Gesellschaft.
Und falls Sie sich fragen, ob das wirklich etwas verändert: Na ja – jahrhundertelang hat sich jedenfalls erstaunlich wenig verändert, wenn Frauen geschwiegen haben. Vielleicht probieren wir es einfach einmal anders.
Zum Schluss noch eine unbequeme Frage
Immer wieder hört man: „Warum braucht es denn heute überhaupt noch einen Frauenstreik?“
Ich würde zurückfragen: Wenn wir ihn wirklich nicht mehr bräuchten – warum regen sich dann eigentlich so viele Menschen darüber auf? Vielleicht weil ein Frauenstreik etwas sichtbar macht, das viele lieber unsichtbar lassen würden. Nicht um Männer kleinzumachen. Sondern damit Frauen endlich nicht mehr klein gehalten werden.
Keine Sorge: Der Frauen*streik will niemandem etwas wegnehmen. Er möchte nur, dass endlich sichtbar wird, wer seit Jahrhunderten dafür sorgt, dass alle anderen überhaupt arbeiten, Karriere machen, Politik gestalten, Unternehmen führen oder die Welt retten können. Vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, warum ein Frauenstreik manche Menschen nervös macht. Denn Sichtbarkeit verändert den Blick auf die Welt. Und manchmal ist genau das der erste Schritt zu mehr Gerechtigkeit.
Das ist nicht zu viel verlangt. Das ist längst überfällig.
Vorschautext / Teaser:
Was passiert eigentlich, wenn Frauen einfach einmal nichts tun? Eine spannende Frage – und vermutlich eine, deren Antwort unsere Gesellschaft ziemlich ins Schwitzen bringen würde. Warum der Frauen*streik am 3. Mai 2027 weit mehr ist als ein Protesttag und weshalb wir als Evangelische Frauenarbeit ihn unterstützen, lesen Sie in unserem neuen Blogbeitrag.