„Frauenrechte sind Menschenrechte.“
Dieser Satz klingt so selbstverständlich, dass man meinen könnte, es gäbe darüber nichts mehr zu diskutieren. Und doch müssen wir ihn immer wieder laut aussprechen. Denn weltweit werden Frauen noch immer verfolgt, unterdrückt, misshandelt, vergewaltigt und ermordet – nicht trotz ihres Geschlechts, sondern wegen ihres Geschlechts.
Die 16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, die jedes Jahr vom 25. November bis zum 10. Dezember begangen werden, erinnern uns daran. Leider erinnern sie uns nicht an ein Problem der Vergangenheit, sondern an eine bedrückende Gegenwart.
Gewalt beginnt lange vor dem Mord
Wenn von Gewalt gegen Frauen die Rede ist, denken viele zuerst an Femizide. Ja, sie erschüttern uns. Und sie sind die brutalste Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Aber sie sind nicht das eigentliche Problem. Sie sind sein Endpunkt. Gewalt beginnt viel früher.
Sie beginnt dort, wo Frauen kontrolliert, eingeschüchtert, gedemütigt oder wirtschaftlich abhängig gemacht werden. Wo Drohungen, Beleidigungen, Stalking oder sexuelle Übergriffe den Alltag bestimmen. Wo Frauen lernen, sich kleiner zu machen, vorsichtiger zu sein und ständig mitzudenken, wie sie Situationen entschärfen können, die sie gar nicht verursacht haben.
Mindestens jede fünfte Frau in Österreich erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt. Hinter dieser nüchternen Zahl stehen hunderttausende Lebensgeschichten – oft unsichtbar, oft verschwiegen.
Das gefährlichste Zuhause
Wenn wir an Gefahr denken, denken wir an dunkle Parks oder einsame Gassen.
Für viele Frauen ist der gefährlichste Ort jedoch das eigene Zuhause.
Die Täter sind häufig Partner, Ex-Partner oder andere Männer aus dem engsten persönlichen Umfeld.
Jedes Jahr werden weltweit zehntausende Frauen Opfer von Femiziden. Auch Österreich zählt seit Jahren zu jenen europäischen Ländern mit besonders hohen Femizidraten. Während andere Tötungsdelikte zurückgehen, bleibt die Zahl ermordeter Frauen erschreckend konstant.
Und trotzdem sprechen wir noch immer von „Beziehungsdramen“, „Familienschicksalen“ oder „Eifersuchtstaten“.
Nein!
Eine Frau wird nicht Opfer eines Dramas.
Sie wird Opfer von Gewalt.
Sprache schafft Wirklichkeit. Wer Femizide verharmlost, verschiebt Verantwortung. Aus einem Täter wird plötzlich ein vom Schicksal Getriebener. Aus einem strukturellen Problem wird ein privates Unglück. Dabei ist das Töten von Frauen niemals Privatsache.
Gewalt hat viele Gesichter
Dass Gewalt gegen Frauen weit über körperliche Misshandlungen hinausgeht, wurde der Welt auf erschütternde Weise durch den Fall Gisèle Pelicot vor Augen geführt.
Über Jahre hinweg wurde sie von ihrem eigenen Ehemann heimlich mit Medikamenten betäubt und dutzenden fremden Männern zur Vergewaltigung ausgeliefert – während sie selbst keinerlei Ahnung hatte, was mit ihr geschah.
Kaum ein Fall der letzten Jahre macht deutlicher, worum es bei Gewalt gegen Frauen letztlich geht: nicht um Sexualität, nicht um Leidenschaft und schon gar nicht um einen angeblichen „Kontrollverlust“.
Es geht um Macht. Um Demütigung. Um die vollständige Auslöschung der Selbstbestimmung eines Menschen.
Dass Gisèle Pelicot darauf bestand, den Prozess öffentlich zu führen, war ein Akt unglaublicher Stärke. Sie verweigerte sich der jahrhundertealten Logik, nach der Opfer schweigen und sich schämen sollen.
Nicht die Opfer müssen sich schämen. Die Täter müssen es.
Gewalt hat keine Nationalität
Nach besonders schrecklichen Verbrechen beginnt regelmäßig dieselbe Diskussion: Welche Staatsangehörigkeit hatte der Täter? Diese Frage mag kriminalpolitisch relevant sein. Sie erklärt aber das Problem nicht. Gewalt gegen Frauen kennt keine Nationalität. Keine Religion. Keine soziale Schicht. Kein Bildungsniveau. Sie findet in Villen ebenso statt wie in Gemeindebauten. In Akademikerfamilien ebenso wie in sozial benachteiligten Haushalten.Wer Gewalt gegen Frauen ausschließlich mit Migration erklärt, macht es sich zu einfach.
Denn patriarchale Denkmuster sind leider überall zuhause.
Mahsa kämpfte für Freiheit
Als die junge Kurdin Mahsa Jina Amini im Iran starb, nachdem sie von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden war, ging ihr Name um die Welt. Frauen schnitten sich öffentlich die Haare ab, verbrannten ihre Kopftücher und riefen:
„Frau. Leben. Freiheit.“
Viele bezahlten diesen Mut mit Gefängnis, Folter oder ihrem Leben.
Gleichzeitig wurden Frauen in Afghanistan nahezu vollständig aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Mädchen wird Bildung verweigert. Frauen dürfen viele Berufe nicht mehr ausüben, ihre Bewegungsfreiheit wird immer weiter eingeschränkt.
In zahlreichen Ländern Afrikas leiden Mädchen noch immer unter weiblicher Genitalverstümmelung. In Kriegsgebieten wird Vergewaltigung gezielt als Waffe eingesetzt.
Die Namen ändern sich.
Das Muster bleibt.
Auch wir tragen Verantwortung
Es ist leicht, über den Iran oder Afghanistan zu sprechen. Schwieriger ist der Blick in den Spiegel.
Denn auch bei uns erleben Frauen sexuelle Belästigung, digitale Gewalt, psychische Gewalt, Stalking und wirtschaftliche Abhängigkeit. Frauenhäuser arbeiten vielerorts an ihrer Belastungsgrenze, Beratungsstellen kämpfen um ausreichende Finanzierung und Betroffene brauchen oft Jahre, bis sie den Mut finden, Hilfe zu suchen.
Gewaltschutz beginnt deshalb nicht erst dann, wenn die Polizei gerufen wird. Er beginnt dort, wo wir sexistische Sprüche nicht mehr als „harmlosen Spaß“ abtun. Wo wir Betroffenen glauben. Wo wir Jungen beibringen, dass Stärke nichts mit Dominanz zu tun hat. Und Mädchen, dass sie niemals weniger wert sind als andere.
Ist es nicht bemerkenswert? – Ein Gendersternchen kann tagelang Empörung auslösen. Die Meldung über den nächsten Femizid verschwindet oft schon nach wenigen Stunden aus den Schlagzeilen. Auch das sagt etwas über unsere Prioritäten.
Frauenrechte sind Menschenrechte
Die Evangelische Frauenarbeit setzt sich seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung, Gewaltprävention und die Würde aller Menschen ein.
Nicht, weil das gerade politisch modern wäre. Sondern weil jeder Mensch nach christlichem Verständnis Ebenbild Gottes ist. Wer Frauen ihre Freiheit nimmt, sie klein macht, ihnen Bildung verweigert oder Gewalt antut, verletzt deshalb nicht nur ein Gesetz.
Er verletzt die Würde eines Menschen.
Darum dürfen wir nicht schweigen.
Für Mahsa.
Für Gisèle.
Für die Frauen, deren Namen wir kennen.
Und für die vielen tausend anderen, deren Geschichten niemals eine Schlagzeile werden.
Denn jede einzelne von ihnen hätte etwas anderes verdient:
Ein Leben in Freiheit.
Ein Leben ohne Angst.
Ein Leben in Würde.