Carearbeit

Wenn Mama in einer anderen Welt lebt

Zwischen Pflegewissen und Tochtersein

Ich heiße Claudia Frühling, bin 51 Jahre alt und arbeite seit mehr als 24 Jahren als diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester in Wien. 1994 habe ich mein Diplom am Kaiserin Elisabeth Spital gemacht. Ich habe auf vielen Stationen gearbeitet, viele Menschen begleitet, viele Abschiede miterlebt.
Und doch hat mich nichts so vorbereitet – und gleichzeitig so unvorbereitet getroffen – wie die Demenz im eigenen familiären Umfeld.

Denn es ist ein Unterschied, ob man einer Patientin professionell begegnet oder ob es die eigene Mutter ist, die einen plötzlich ansieht, als würde sie einen nicht ganz erkennen. Fachlich weiß ich, was passiert. Emotional fühlt es sich trotzdem jedes Mal neu, fremd und manchmal schmerzhaft an.

Eine Krankheit, die langsam alles verändert

Demenz kommt leise. Zuerst sind es Kleinigkeiten: verlegte Dinge, vergessene Termine, kurze Momente der Orientierungslosigkeit. Mit der Zeit werden die Lücken größer. Erinnerungen verschwimmen, Worte fehlen, vertraute Abläufe werden schwierig.

Was medizinisch als fortschreitende Erkrankung des Gehirns beschrieben wird, bedeutet im Alltag vor allem eines: Abschied auf Raten. Nicht nur für den erkrankten Menschen, sondern auch für jene, die ihn lieben.

Wenn Angehörige still über ihre Grenzen gehen

Viele Menschen mit Demenz werden über Jahre hinweg zu Hause gepflegt – meist von Angehörigen. Aus Liebe, aus Verantwortung, aus dem Wunsch heraus, alles richtig zu machen.
Dabei rutschen viele unbemerkt in eine Rolle, die kaum jemand sieht: Sie werden zu unsichtbaren Patienten. Erschöpft, überfordert, oft allein mit ihren Sorgen.

Aus meiner beruflichen Erfahrung weiß ich, wie wichtig es ist, früh hinzusehen, sich zu informieren und Hilfe anzunehmen – bevor die eigene Kraft aufgebraucht ist. Unterstützung von außen ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen von Fürsorge.

Begegnen statt korrigieren

Mit der Zeit wird Kommunikation schwieriger. Gespräche drehen sich im Kreis, Fragen wiederholen sich, Zusammenhänge gehen verloren. Der Impuls, zu korrigieren oder zu erklären, ist groß – und meist gut gemeint.

Doch Demenz folgt ihren eigenen Regeln. Wirklich hilfreich ist es, die Welt des erkrankten Menschen anzunehmen, seine Gefühle ernst zu nehmen und ihm dort zu begegnen, wo er gerade ist. Nicht alles muss richtig sein – vieles darf einfach nur stimmig sein.

Arno Geiger* beschreibt das sehr treffend:

„Einem Demenzkranken eine sachlich korrekte Antwort zu geben, ohne Rücksicht darauf, wo er sich befindet, heißt, ihm eine Welt aufzuzwingen, die nicht die seine ist.“

Erinnerungen, die bleiben

Was oft lange erhalten bleibt, sind Erinnerungen an frühe Lebensjahre. Musik aus der Jugend, alte Fotografien, vertraute Düfte oder Orte können etwas öffnen, das man verloren geglaubt hat.

Diese Momente sind kostbar. Ein Lächeln, ein Strahlen in den Augen – manchmal nur für Sekunden. Und doch tragen sie durch schwere Tage.

Oder, wie Arno Geiger* es formuliert:

„Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.“

Zitate von Arno Geier aus „Der alte König in seinem Exil“

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