Carearbeit

Versorgen oder fair sorgen – nur ein Wortspiel? Ich glaube nicht.

Was auf den ersten Blick wie ein harmloses Wortspiel wirkt, entpuppt sich schnell als politische, gesellschaftliche und sehr persönliche Frage. Denn wie wir sorgen – und für wen – sagt viel darüber aus, wie gerecht unser System wirklich ist.

Ich habe mir diese beiden Wörter laut vorgesagt. Mehrmals. Versorgen. Fair sorgen.
Akustisch? Fast identisch.
Im Kopf? Zwei komplett unterschiedliche Welten.

sorgen heißt oft: alles selbst tragen


Sobald irgendwo das Wort „sorgen“ auftaucht, startet bei mir sofort das innere To-do-Karussell: Einkaufen. Putzen. Anrufe, die ich schon längst hätte erledigen sollen. Termine, die ich großspurig zugesagt habe und nun akribisch organisieren muss. Und dann diese eine Sache, die mich jedes Mal einholt: das Versprechen, meine Urenkel bald wieder zu besuchen. „Bald“ ist ein dehnbarer Begriff – vor allem, wenn ständig etwas Wichtigeres dazwischenkommt.

Fairness beginnt nicht im Supermarkt

„Fair“ hingegen triggert ganz andere Bilder.
Ja klar, fair gehandelte Produkte im Supermarkt – wobei man sie zwischen all den Hochglanzregalen erst einmal finden muss. Aber ehrlich: Das ist die niedrigste Schwelle. Viel schwieriger wird es, fair im Umgang miteinander zu bleiben.
Wo endet meine Freiheit, wo beginnt die Verletzlichkeit meines Gegenübers?
Was kann ich anderen – besonders älteren Menschen – zumuten?
Ingeborg Bachmann hat uns die „Zumutbarkeit der Wahrheit“ ins Stammbuch geschrieben. Recht hatte sie. Leicht wird es dadurch trotzdem nicht.

Wenn Care-Arbeit politisch wird

Richtig kompliziert wird es, wenn Fairness politisch werden soll. Sozialpolitisch, um genau zu sein.
Vor einigen Jahren entstand auf Initiative von ATTAC die Bewegung „Mehr für Care“. Viele Frauenorganisationen – auch die EFA – haben sich angeschlossen. Das Ziel: nichts weniger als eine gute Wirtschaft für alle.
Die Grundlage dafür: das Feministische Konjunkturpaket der Ökonomin Elisabeth Klatzer. Die Kernbotschaft ist so simpel wie unbequem:
Wenn wir Bildung, Kinderbetreuung, Pflege und Gesundheit ernst nehmen, müssen wir auch bereit sein, ernsthaft zu investieren.
Denn die Realität ist ernüchternd:
Frauen tragen einen Großteil der Krisenlast. In systemerhaltenden Berufen. Zu Hause. In der Pflege. In der Kinderbetreuung. Rund zwei Drittel dieser Arbeit ist bis heute unbezahlt. Die Folgen kennen wir längst: prekäre Existenzsicherung, Armutsgefährdung trotz Arbeit, massive gesundheitliche Belastungen – während sich die Arbeitsbedingungen im Sozial- und Gesundheitsbereich weiter verschlechtern.

Pflege: das große blinde Feld

Besonders sichtbar wird diese Schieflage im Bereich Pflege.
Ob Krankenhaus, Pflegeheim, pflegende Angehörige oder 24-Stunden-Betreuung: Wer genauer hinschaut, sieht ein riesiges Feld aus Ungerechtigkeit, Ausbeutung und systematischem Wegschauen.

Kinderbetreuung ist kein „Nice-to-have“

Und dann ist da noch die Elementarpädagogik.
Spätestens im letzten Jahr rückte sie ins öffentliche Bewusstsein – mitsamt all den Menschen, die täglich dafür sorgen, dass Kinder betreut, begleitet und versorgt werden. Und ja: Es geht hier auch um Eltern. Vor allem um Mütter. Denn sie sind nach wie vor diejenigen, die den größten Teil dieser Verantwortung schultern.

Mehr Geld – und trotzdem weniger übrig

Als wäre das alles nicht schon genug, kommt die wirtschaftliche Realität obendrauf. Stichwort: Teuerung.
Was das konkret bedeutet, zeigt ein Beispiel aus Wien, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht:
Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern. Sie bekommt 60 Euro mehr Mindestsicherung im Monat. Klingt nach Entlastung. Ist es aber nicht. Denn dadurch fallen Befreiungen weg – Essensgeld im Kindergarten, Betreuungskosten im geförderten Privatkindergarten.
Ergebnis: 600 Euro Mehrkosten pro Monat.
Mehr Unterstützung – und am Ende deutlich weniger Geld. Fair? Wohl kaum.

Die Stimme erheben ist kein Luxus

Genau hier zeigt sich, worum es eigentlich geht:
Sorgen reicht nicht.
Es geht um faire Sorge. Um Weitsicht. Um Wissen. Um den Mut, Systeme mitzudenken – und ihre Nebenwirkungen.
Unfaire Situationen im Alltag zu benennen, ist keine Kleinigkeit. Es braucht Übung. Und Haltung.
Gerade wir Frauen sollten uns darin bestärken, die Stimme zu erheben, Initiativen zu unterstützen und Ungerechtigkeiten nicht als „eh nicht zu ändern“ abzutun.
Denn Fairness passiert nicht zufällig.
Sie ist eine Entscheidung.

Evelyn Martin

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